Wer hat Angst vorm Happy End?

In der Filmwelt stehen sich traditionell zwei Lager gegenüber: Hollywood-Filme und Independent-Filme. „Independent“ bezog sich ursprünglich auf die finanzielle Unabhängigkeit von den großen Studios. Mittlerweile sind vor allem inhaltliche und formale Aspekte in Vordergrund gerückt, nicht zuletzt weil viele Independent-Filme von den großen Studios mitfinanziert und mit Hollywoodstars bestückt werden (das nennt man dann „Indiewood“).

Heute gibt es einen regelrechten Kanon an Dingen, die den „Independent-Film“ ausmachen, z.B. das Verzichten auf klischeehafte Rollenbilder und bewährte Handlungsstrukturen (in der einfachsten Form: Anfang – Mitte – Ende). Oder auf das Happy End.

Bei Hollywood-Filmen kann man in der Regel davon ausgehen, dass sich am Ende die Liebenden vereinen oder zumindest das Gute über das Böse siegt. Independent-Filme vermeiden dagegen das Happy End zugunsten eines „realistischen“ Endes.

Also gehen Bob und Charlotte in „Lost in Translation“ am Ende auseinander, Ennis und Jack bekommen sich in „Brokeback Mountain“ auch nicht und in „Reservoir Dogs“ sind schließlich alle tot (nicht weiter schlimm, da es sich durchweg um gemeine Menschen handelt).

Doch was ist ein „realistisches“ Ende? Ein Ende, das in der Realität plausibel wäre?

Eher nicht. Denn auch ein Independent-Film ist in erster Linie ein Film und damit das Gegenteil von Realität.

Ich denke, ein „realistisches“ Ende ist alles, was kein klassisches Happy End ist.

Ein bisschen erinnert mich das an meinen 6-jährigen Sohn, wenn er trotzig auf den Boden stampft und bereit ist, alles zu tun, nur nicht das, was ich gerade von ihm will. Alles, nur kein Happy End!

Doch warum verweigert man uns das Happy End so vehement?
Weil es das ist, wonach wir am meisten verlangen.

„Happy Ends kommen unserem Gefühl für Abschlüsse nach“, erklärt Prof. Dirk Blothner, Filmwirkungsforscher an der Universität Köln. „Ob wir beim Einkaufen am Ende etwas Schönes mit nach Hause nehmen oder beim Kaffeekochen letztlich einen wohltuenden Tropfen genießen – das gute Ende eines Erlebnisses ist für uns eine lustvolle Erfahrung.“ (http://www.pm-magazin.de/r/gute-frage/warum-sehnen-wir-uns-beim-film-nach-einem-happy-end)

Hollywood-Filme sind das filmische Äquivalent zu Schokolade und Rotwein. Sie bringen kurzfristiges Vergnügen und entlarven ihre Konsumenten als unvernünftige Zeitgenossen mit mangelhafter Triebkontrolle. „Ich schaue nur Independent-Filme, das Mainstream-Zeug ist mir zu flach“ impliziert also „Ich versage mir ein lustvolles Erlebnis. Ich kann meine ordinären Triebe kontrollieren.“

In unserer Überflussgesellschaft hat Verzicht einen verdammt guten Ruf. Viele Menschen schränken sich in Sachen Ernährung ein, andere leben sexuell enthaltsam und wieder andere verzichten auf das lustvolle Erleben einer Geschichte inklusive versöhnlichem Abschluss (=Happy End). Doch wie Nahrungsaufnahme und Sexualität ist das Durchleben von Emotionen durch Geschichten ein grundlegendes Bedürfnis des menschlichen Daseins. Es hat gar eine reinigende, erleichternde Wirkung.

In typischen Hollywood-Filmen wird die gesamte Klaviatur menschlicher Gefühle durchgespielt, nicht zuletzt dank überzogener Charaktere und wirkungsvoll komponierter Plots. Und mithilfe unserer Spiegelneuronen lieben, hassen, leiden, trauern und jubeln wir mit. Das ist viel emotionale Arbeit innerhalb von 90 Minuten und obendrein ist es peinlich, im Kino beim Heulen beobachtet zu werden. Genug Gründe für hochperformante Vernunftwesen, die Emotionsachterbahn Hollywoodfilm gegen eine Bootsfahrt des Intellekts auszutauschen. Auch Independent-Filme lösen Emotionen aus, doch die Befriedigung durch das Happy End bleibt aus.

Es ist ein bisschen wie Sex ohne Orgasmus: Das kann man schon mal machen, eine Dauerlösung ist es eher nicht.

Filme mit offenem Ende sind wie Gäste, die man für einen Abend einlädt und nicht mehr los wird.  Zumindest mir geht es so, dass ich noch Tage danach die Handlung auf verpasste Wendepunkte abklopfe und alternative Enden durchspiele (eine frustrierende Sache, denn Zelluloid, Bits und Bytes haben immer Recht). „Ja, Ja, Ja!“ mögen nun viele rufen. „Genau darum geht es doch! Der Zuschauer soll sich nachhaltig mit einem Thema befassen und für Probleme im realen Leben sensibilisiert werden.“

Sicher, das ist wichtig. Und ich bin dankbar für Filme wie „Soldiers Girl“ zum Thema Transsexualität oder „Die Jagd“ zum Thema Kindesmissbrauch/Gruppendynamik, die einen noch lange nach dem Abspann begleiten. Aber nicht jeden Tag. Meine Wohnung ist schon voll mit Alltagskram – da bleibt wenig Platz für Mietnomaden.

Ich schaue mir gerne Dokumentationen oder Independent-Filme an. Aber zwischendurch braucht es einfach einen leicht verdaulichen Film, den man schon wieder abgehakt hat, bevor sich der Vorhang im Kino schließt. Anfang – Mitte – Ende. Wunderbar. Nach dem Konsum von „Pretty Woman“ rennt man nicht aus dem Kino, um die Welt zu verändern. Aber man fühlt sich gut. Und das ist verdammt viel.

Es gibt wirklich flache, lieblos produzierte Hollywoodfilme. Dennoch: Wer sich in der Independent-Ecke verbarrikadiert, der verpasst kreative Perlen wie Ice Age, I Robot, Matrix oder Avatar. Inspirierende Bekanntschaften, die wissen, wann sie sich zu verabschieden haben.

Wir sollten aufhören, Unterhaltungsfilme an der Realität zu messen. Denn ein Film soll doch weniger die Realität abbilden als sie für 90 Minuten (bei Independent-Filmen alles außer 90 Minuten) besser machen.

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