„Spieglein, Spieglein an der Wand?“ oder „Wer bist du?“

In regelmäßigen Abständen finde ich in meiner Facebook-Timeline Artikel von oder über Michael Nast, die Stimme der Generation YOLO, dieser Menschen zwischen 25 und 40, die sich so unsympathisch lesen, dass ich nie etwas mit ihnen zu tun haben wollte, wenn ich nicht einer von ihnen wäre. Ebenso wie meine Freunde. Mittlerweile hat Herr Nast ein Buch in den Bestseller-Listen platziert und füllt auf seinen Lesetouren die Hallen.

„Generation beziehungsunfähig“ nennt er uns (und sich selbst), weil wir offenbar nicht in der Lage sind, uns auf unsere Partner einzulassen und langfristige Beziehungen zu führen. Stattdessen seien wir ständig auf der Suche nach Optimierungsmöglichkeiten und versähen alles, was wir tun mit der auflösenden Bedingung „bis etwas Besseres kommt“. Dabei fällt auffällig oft das Wort „Selbstverwirklichung“.

Gemäß Herrn Nast (oder sollte ich ihn Michael nennen? Schließlich sitzen wir im selben Boot…) liegt ein zentraler Grund für unsere „Beziehungsunfähigkeit“ in der veränderten Rolle der Arbeit: „Der Mittelpunkt des Lebens hat sich auf den beruflichen Erfolg verlagert, ganz unbemerkt.“ Dazu zitiert er bindungsunwillige Menschen, die ihre Beziehung zugunsten des Berufs aufgegeben haben, wie z.B. Christoph, der sagt: „Ich könnte mir nie vorstellen, was Mittelmäßiges zu machen, und harte Arbeit ist einfach der Preis, wenn man sich selbst verwirklichen will. […] dieses ständige Problematisieren [durch die Freundin, d.A.], das kann ich nicht gebrauchen, das wirkt sich alles auf den Job aus.“

Doch ich frage mich ernsthaft, ob hier wirklich eine Kausalität vorliegt oder nicht vielmehr eine Korrelation. Oder mal ganz anders gedacht – vielleicht sind die Menschen nicht beziehungsunfähig, weil sie ihren Job so wichtig nehmen, sondern sie nehmen ihren Job so wichtig, weil sie beziehungsunfähig sind?

Ich finde es erstaunlich, dass die Jobsituation der Menschen immer wieder für gescheiterte Beziehungen verantwortlich gemacht wird. Es ist ja nicht so, dass die Menschen „früher“ (*als man noch „beziehungsfähig“ war*) so viel weniger gearbeitet hätten.

Ich würde sagen, es gab schon immer Menschen, die viel gearbeitet haben und beziehungsfähig waren, genauso wie solche, die wenig gearbeitet haben und beziehungsunfähig waren.

Doch selbst wenn man „hart arbeitet“ um „sich selbst zu verwirklichen“: Wieso sollte das einer gesunden Beziehung im Wege stehen?

Ein Mensch, der sich in seinem Job selbst verwirklicht, macht vielleicht mal Überstunden, aber er geht abends voller Energie und Zufriedenheit nach Hause. Er strahlt von innen, ist leidenschaftlich und lebendig – die Art von Gesellschaft, die sich jeder wünscht.

Ich habe den Verdacht, dass das, was so mancher unter dem Deckmantel „Selbstverwirklichung“ betreibt, keine Verwirklichung des eigenen Selbst ist, sondern vielmehr der Versuch, etwas zu werden, was man gar nicht ist. „Be who you want to be“ heißt der Virus, von dem die nicht mehr ganz so jungen Menschen von heute befallen sind. „Wer willst du sein?“ fragt mich auch die Zeitschrift EMOTION und die Living-Plattform „Junique“ liefert die passenden T-Shirts dazu.

werwillstdusein

Dabei sollte die Frage doch eher lauten: „Wer bist du?“

Nast beschreibt dies folgendermaßen: „Das eigene „Ich“ ist unser großes Projekt, die Arbeit ist da ja nur ein Detail. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Wir werden zu unserer eigenen Marke […]. Jedes Detail wird zum Statement, das unser Ich unterstreichen soll: Mode, Musikrichtungen oder Städte, in die man zieht, Magazine, wie man sich ernährt – und in letzter Konsequenz auch die Menschen, mit denen man sich umgibt.“

Das Problem ist: Wir malen uns allzu gerne aus, wer wir sein wollen und fragen uns dabei zu selten, inwieweit dieses Bild zu dem passt, was wir sind. Unterstützt von umfassender Ratgeberliteratur glauben wir, unsere Persönlichkeit nach Belieben formen und verändern zu können. Doch wir sind keine Computer, die man einfach mit einem neuen Betriebssystem bespielt. Es gibt Dinge, Charakterzüge, körperliche und geistige Voraussetzungen, die wir nicht grundlegend ändern können, zumindest nicht auf gesunde Weise. Ich muss in diesem Zusammenhang an diesen Cartoon denken (Quelle s.u.):

education-system.png

Vielleicht träumt der Fisch ja davon, auf Bäume zu klettern. Er nimmt Kletterunterricht, trainiert seine Muskeln, lernt außerhalb des Wassers zu atmen, schlüpft in ein Affenkostüm. Vielleicht erreicht er nach dieser Kraftanstrengung sein erklärtes Ziel und lebt ab sofort unter Affen. Dennoch wird es ihn jeden Tag unverhältnismäßig viel Energie kosten. Und angenommen, er will eine Familie gründen. Welchen Partner soll er sich suchen, einen Affen oder einen Fisch? Vermutlich wird er jeden Tag unter dem Gefühl leiden, ein minderwertiger Affe zu sein. Und Fischsein entspricht ja leider nicht seinem Plan.

Ich denke, wer eine Beziehung nach der anderen in den Sand setzt, obwohl er „sich selbst verwirklich“ (d.h. viel arbeitet), der sollte sich vielleicht fragen, wen er gerade verwirklicht. Sich selbst oder jemand anderen.

Ich wäre ja auch gerne eine extrovertierte, gut verdienende Frau mit langen Beinen und ich könnte einiges dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen. Ich könnte alleine auf Parties abhängen und mich dazu zwingen, mit den Leuten zu reden und irgendwann würde ich darin wahrscheinlich eine gewisse Routine erreichen. Aber wäre ich deshalb eine extrovertierte Person oder vielleicht doch nur eine introvertierte, die gelernt hat, sich wie eine extrovertierte zu verhalten? Wenn ich 60 Stunden pro Woche arbeiten würde, um reich zu werden – was wäre dann mit meinem Kind? Und eine Beinverlängerung ist eine verdammt schmerzhafte Angelegenheit.

Es fällt uns schwer anzuerkennen, dass eben nicht alles geht, dass wir unsere Persönlichkeit nicht nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen können. Wir haben gelernt, an uns zu arbeiten, mit uns zu kämpfen und uns zu verändern. Viel schwieriger ist es, das vermeintlich Unperfekte zu akzeptieren.

Meist ist unser Partner derjenige, der uns immer wieder auf dieses Unperfekte stößt. Denn, wie Michael Nast sehr treffend sagt: „Wenn man in einer Beziehung ist, lernt man sich selbst ja auch noch einmal neu kennen. Man sieht sich aus einer anderen Perspektive. Mit dem Blick des Partners. Er ist sozusagen der Spiegel.“

Leider entspricht das, was wir im Spiegel sehen, oft nicht dem, was wir sehen wollen, dem, was wir als „Realität“ betrachten (Stichwort: Wer willst du sein?). Je weniger wir uns selbst kennen, desto weniger können wir nachvollziehen, was unser Partner spiegelt. „Er nörgelt nur herum“, sagen wir dann oder „So bin ich doch gar nicht“. Und früher oder später trennen wir uns. Ent-täuscht. Wir werfen den Spiegel weg, weil uns das Spiegelbild nicht passt.

Das Problem mit dem Ende der Verliebtheit ist ja nicht, dass die Liebe geht, sondern dass die Illusion geht. Und durch das Gefühl ersetzt wird, „dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt, der das eigene Leben sinnvoller ergänzt.“ Der Partner wird dann als Belastung empfunden, als jemand, der den „Selbstverwirklichungsprozess einengt“.

Sicher hat auch unser Partner Baustellen in seinem Leben und gibt kein objektives Bild zurück. Aber es zeigt sich immer wieder, dass im „Genörgel“ ein Körnchen Wahrheit steckt.

Und am Ende ist es heilsam, sich den ungewünschten Wahrheiten zu stellen: Ich bin unsicher. Ich bin neidisch. Ich bin nicht dafür gemacht, jeden Tag im Büro Kämpfe auszufechten. Die ständigen Dienstreisen machen mich fertig. Ich bin nicht glücklich mit meinem „Designer-Leben“.

Wer den Kampf gegen die Windmühlen aufgibt, dem steht plötzlich jede Menge Energie zur Verfügung. Die er zum Beispiel in Beziehungen investieren kann. Zu sich selbst und zu anderen Menschen.

Nast schreibt: „Wer sich ausschließlich auf sich selbst beschränkt, verpasst eben auch alles andere.“

Ich würde sagen: Wer sich ausschließlich auf sich selbst (das Wunsch-Ich) beschränkt, verpasst sich selbst (das reale Ich). Und die Erfahrung, dass man nicht perfekt sein muss, um liebenswert zu sein.

Sind wir also eine Generation von Beziehungsunfähigen? Bestimmt. Zumindest eine von vielen.

Quellen:

http://imgegenteil.de/blog/generation-beziehungsunfaehig/“
http://www.emotion.de/psychologie-partnerschaft/persoenlichkeit/wer-willst-du-sein-t-shirts-von-juniqe“
http://thecompanion.in/competitive-exams-and-our-education-system/“

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