Let it grow, let it grow, let it grow

Viele Menschen kokettieren damit, „keinen Small Talk zu können“. Und ihn ohnehin nicht zu wollen. Dabei möchten sie gerne als besonders tiefsinnige Zeitgenossen verstanden werden, denen das geistlose Blabla zuwider ist. Small Talk hat einen verdammt schlechten Ruf. Er ist wie eine Schlampe, die jeder haben kann: erfüllt seinen Zweck, ist aber nicht wirklich befriedigend.

Denn erfolgreicher Small Talk ist eine Frage der Technik, sofern man nicht zu den wenigen Menschen gehört, die ein natürliches Talent dafür haben (und die wir für ihre Oberflächlichkeit verachten). Mit ein bisschen Üben und den richtigen Fragen kann jeder mit jedem Smalltalk führen. Kein Wunder, dass wir uns dabei wie austauschbare Stichwortgeber fühlen.

Was wir wollen, ist das Gegenteil, Big Talk. Die Art von Gespräch, in der sich die Themen einfach so ergeben, ohne dass man eine Liste abarbeitet. Wo die Zeit im Flug vergeht und das Gespräch nicht mit einem neuen Xing-Kontakt, sondern mit einem wohligen Gefühl im Magen endet. Wir wollen Ehrlichkeit und Tiefe.

Und wir wollen uns nicht anstrengen. Während sich Big Talk mühelos entwickelt, fühlt sich Small Talk oft wie harte Arbeit an. Denn entgegen der Vorurteile handelt es sich keineswegs um eine banale Form der Unterhaltung. Nein, Small Talk ist in hohem Grade reglementiert. Das fängt beim Themenspektrum an: Man spricht über das Wetter, den Job, Hobbies und Reisen. Brisante Themen wie Politik, Krankheiten, Sex, Tod, Religion und allzu Persönliches sind tabu, ebenso wie Konfrontationen und allzu harscher Widerspruch.

Das ist ungünstig, wenn man sich gerne leidenschaftlich über den Papst streitet und wenig Spaß an Gesprächen über die Qualität von Kantinenessen hat. Andererseits steckt in jeder Einschränkung auch ein Schutz und es ist durchaus schön zu wissen, dass es beim Geschäftsessen (zumindest bis zum Digestif) keine Glaubenskriege oder Nervenzusammenbrüche geben wird. Small Talk schafft Gemeinschaft, indem er diejenigen Fragen nicht erlaubt, deren Antwort Beziehungen sprengen könnten. Wer die Spielregeln beachtet, der gehört dazu.

Doch was spricht dagegen, die Grenzen des Small Talk so weit wie möglich auszureizen und die Standard-Fragen kreativ zu erweitern?

Mit Fragen wie diesen macht es doch gleich mehr Spaß:

„Was bringt deine Augen zum Strahlen?“
„Welche Superkraft hättest du gerne?“
„Welchen berühmten Menschen würdest du gerne zum Essen einladen?“
„Wie würdest du einem Kind deinen Beruf erklären?“

If it’s too small for you, let it grow.

Wir halten den Small Talk künstlich klein, indem wir immer wieder dieselben abgenutzten Fragen stellen und uns dadurch permanent in der Meinung bestätigen, dass er eine lästige Pflicht ist.

Dennoch glaube ich, dass das Hauptproblem nicht in den Fragen und Antworten liegt, sondern in der Einstellung, mit der wir Small Talk betreiben. Allzu oft sehe ich Menschen ihre Standardfragen abspulen, während ihre Körpersprache deutlich macht: „Das interessiert mich einen Dreck“. Natürlich kann so kein entspanntes Gespräch entstehen.

Big Talk stirbt ohne ehrliches Interesse, Small Talk dagegen lebt auf Zombie-Niveau weiter. Und was uns abschreckt, ist doch weniger der nette, harmlose Small Talk, als vielmehr diese auslaugenden Zombie-Gespräche.

Man kann die Frage „Und was machst du beruflich“ mit ehrlichem Interesse stellen. Aber wem „kein Bock auf Small Talk“ ins Gesicht geschrieben steht, der muss sich nicht wundern, wenn die Antwort einsilbig ausfällt.

Deshalb plädiere ich dafür, den Small Talk nicht mehr als lästige Pflicht zu betrachten, sondern als Chance, einen interessanten Menschen kennen zu lernen. Lasst uns den Autopiloten deaktivieren und wieder mit kindlicher Neugier auf unser Gegenüber zugehen. Auf dass der der Kleine wachse und gedeihe.

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