Von unsichtbaren Tieren und der Moral des Tötens

In letzter Zeit habe ich mehrfach das Argument gehört: „Wer nicht bereit ist, Tiere selbst zu töten, der darf auch kein Fleisch essen“. Moralisch gesehen. Der Löwe muss seine Nahrung schließlich auch selbst erlegen.
Ich habe dann immer genickt und mich schuldig im Sinne der Anklage gefühlt. Bis ich mich fragte: Warum eigentlich?
Mal ganz abgesehen davon, dass der Löwe die von ihm erlegte Antilope nicht allein verspeist –
wieso muss ich in der Lage sein ein Tier zu töten, um es essen zu dürfen?
Darf ich auch kein Auto fahren, weil ich kein Auto bauen kann? Das ist doch albern.

Ein großer Teil unserer Gesellschaft beruht auf Spezialisierung und Arbeitsteilung. Jeder tut das, was er besonders gut kann und lässt sich dafür von anderen Menschen bezahlen.
Ich muss kein Auto bauen können, wenn ich dafür bezahlen kann, dass es andere für mich tun.
Ebenso bezahle ich den Schlachter dafür, dass er das Schwein schlachtet, von dem mein Schnitzel kommt.

Und vor allem – was hat Tötungsbereitschaft mit Moral zu tun?

Es geht doch überhaupt nicht darum, wer das Messer in die Kehle des Schweins führt oder wer dazu bereit wäre. Was uns fehlt, ist nicht Tötungsbereitschaft, sondern ein Bewusstsein dafür, wie das Schnitzel auf unseren Teller gelangt.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Schlachttag ein Ereignis, an dem alle Mitglieder der Familie teilnahmen. Ob sie das Geschehen nun beobachteten, die Schreie des Tieres hörten, die Innereien rochen oder anschließend die blutverschmierten Kleider wuschen – es war für jeden offensichtlich, dass das Schnitzel auf dem Teller mit dem Tod eines Lebewesens bezahlt wurde. Dies zu leugnen hätte bedeutet, den eigenen Sinnen zu widersprechen. Das geschlachtete Tier war sichtbarer, riechbarer und fühlbarer Teil der Lebenswirklichkeit. Es existierte. Und hatte damit einen Wert.

Heute ist der Prozess „Fleisch essen“ völlig entkoppelt von den Prozessen „Tier aufziehen“ und „Tier töten“. Wir sind Teil eines kollektiven Verdrängungsmechanismus, der Menschen in die Lage versetzt, Hähnchenbrustfilets für €1,49 zu „genießen“.

Es gibt Fleischesser, die noch nie ein Schwein gesehen, berührt oder gerochen haben – vom Töten ganz zu schweigen. Nicht ohne Grund finden Haltung und Schlachtung der Tiere in abgeriegelten Hallen statt, aus denen wenig nach draußen dringt. Ich habe den Verdacht, dass die hohen Zäune weniger dem Schutz der Insassen dienen, als vielmehr dem der Menschen draußen. So bleibt es uns erspart, Dinge zu sehen, die das Verdrängungsgebäude zum Einsturz bringen (und letztlich den Markt verändern) könnten.

Es ist geradezu schizophren: In einer Zeit, wo es verbriefte Tierrechte gibt, wo wir jedem Lebewesen eine Würde zusprechen und wo uns die Tränen kommen, wenn wir am Straßenrand einen überfahrenen Igel sehen, werden Massen von Tieren unter elenden Bedingungen gehalten und getötet. Offenbar unterscheiden wir zwischen sichtbaren und unsichtbaren Tieren. Die sichtbaren werden leidenschaftlich geschützt und die unsichtbaren, na, die sind ja nicht da. Quasi.

Mit jedem Meter, den sich die Tierhaltung und -schlachtung von unserer Haustür entfernt hat, wurde auch in unseren Köpfen das Tier von der Wurst entfremdet.

Darum sollten wir die unsichtbaren Tiere wieder sichtbar machen, sie in ihrer Existenz würdigen. Sei es, dass wir uns informieren und darüber reden, wie unser Fleisch produziert wird. Dass wir einfach mal zum Bauern fahren und einem Rind tief in die Augen schauen. Oder vor dem Verzehr des nächsten Schnitzels kurz innehalten und dem Tier danken, das dafür gestorben ist. Man mag das als esoterisch oder nutzlos abtun. Aber es ist ein erster Schritt. Und schließlich haben wir nichts zu verlieren – außer der Fähigkeit, eine €1,49 – Hähnchenbrust genießen zu können.

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