anders, anderster, am andersten

Ich erinnere mich an Zeiten, da war „“anders““ ein Adverb, das „“als““ und ein Vergleichsobjekt nach sich zog, z.B. „Ich sehe anders aus als meine beste Freundin.“

Mittlerweile habe ich oft das Gefühl, als sei „“anders““ eine Qualität, die für sich allein steht. „„Ich bin eben anders“,“ sagt die tätowierten Mutti mit den pinken Haaren oder der Gymnasiallehrer, der in seiner Freizeit Marathon läuft. Und alle sind stolz darauf, „“anders““ zu sein. Nicht anders als Person X oder Y sondern „anders“ PUNKT.

Wenn „anders“ tatsächlich noch das neutrale „“Anders““ wäre, dann könnte man darauf unproblematisch entgegnen: „“Ich finde, du bist du gar nicht so anders als andere Menschen““.
Doch ich fürchte, dass sich die meisten Menschen von dieser Aussage angegriffen fühlen würden. „„Du bist so wie viele andere auch““ ist tendenziell keine gute Antwort. Anders ist gut, gleich ist schlecht.

Andererseits habe ich den Satz „“Ich bin eben anders““ schon so inflationär oft gehört, dass ich mich fragen muss, wer denn all die Menschen sind, von denen sich der Äußernde abgrenzt.
Person A macht nach dem Studium eine Weltreise, weil sie anders ist (als all die anderen, die nur an ihre Karriere denken).
Person B steigt direkt in den Beruf ein, weil sie anders ist (als all die anderen, die erstmal auf Weltreise gehen). Hä?

Das Tolle am Konzept „“Anderssein““ ist ja, dass sich immer irgendjemand finden lässt, der das benötigte Gegenteil verkörpert: Jeder ist in jeglicher Hinsicht anders als irgendjemand.
Doch in unserem Streben nach Anderssein sind wir alle gleich.

Das ständige Bedürfnis, sich vom Rest der Welt abzugrenzen, finde ich bei auch meinem 4-jährigen Sohn wieder. „“Ich bin stärker als alle anderen““, „„Ich kann besser singen als die anderen““, „Ich kann schneller Radfahren als die anderen““ heißt doch auch nichts anderes als: „“Ich bin anders““.

Sind wir also nichts als ein Haufen großer Kinder, die sich ständig ihrer Individualität vergewissern müssen?

Vielleicht geht nicht nur um Anderssein oder Gleichsein, sondern darum, sich in einer Welt der Möglichkeiten nicht zu verlieren.
„„Die Anderen““ –- das ist doch immer eine gesichtslose Masse, die je nach Bedarf modelliert wird. Man grenzt sich weniger von einzelnen Personen ab, als vielmehr von Eigenschaften und Werten.

Ich erwische mich oft dabei, wie ich beim Elternabend im Kindergarten die anderen Eltern betrachte – alle im ähnlichen Alter, mit ähnlichen Klamotten, Autos und Problemen – und sie gedanklich in einer Schublade verstaue (mich selbst stecke ich selbstverständlich nicht hinein ;-)). Doch je mehr ich mich mit den einzelnen Personen beschäftige, desto „anderster“ werden sie (und endlich wurde eine annehmbare Verwendung für dieses Wort gefunden!).
Da wird die Normalo-Mutti plötzlich zu einer Frau, die „anders“ ist. Weil sie einen phänomenalen Humor hat. Weil sie Gedichte schreibt. Oder weil sie verdammt gut zuhören kann. Und je mehr man sich mit den Menschen befasst, desto leerer wird die ursprünglich gut bevölkerte „Eltern“-Schublade.

Vielleicht hat es so mancher, der sein „“Anderssein““ wie ein Statussymbol zur Schau stellt, einfach nur aufgegeben, sich auf andere Menschen einzulassen. Denn man findet immer, was man sucht. Wer sich abgrenzen will, der sieht nur die Unterschiede und blendet Gemeinsamkeiten aus. Und natürlich hält sich jeder selbst für besonders außergewöhnlich („am andersten“), weil er sich in all seinen Facetten kennt.

Schubladen sind okay, denn wir können nicht jede Person, der wir begegnen, in ihrer ganzen Individualität erfassen. Allein die Vorstellung bringt mein Hirn zum Explodieren. Aber wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, der wird immer wieder die berührende Erfahrung machen, dass Menschen aus der grauen Masse heraus treten (die es natürlich nicht gibt).
Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch ist gleich.
Vielleicht ist das eine Erkenntnis des Erwachsenwerdens, die mein Sohn und so manch anderer noch vor sich hat.

P.S. Ich habe neulich einen Menschen kennen gelernt, der erfrischend „anders“ war. Er hat nämlich zugegeben, dass er genauso ist wie die meisten anderen.

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