Höflich sein oder nicht sein

Immer wieder werde ich mit „„Friendly Reminders““ konfrontiert, die mich „“höflichst““ dazu auffordern, etwas zu tun, Infos zu liefern oder Geld zu überweisen.

Freundlichkeit und Höflichkeit sind schöne und wichtige Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens, „“wohlwollende Geneigtheit gegenüber der sozialen Umgebung““ beziehungsweise „“rücksichtsvolle Verhaltensweisen, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen““, sagt Wikipedia.

Ich wage zu behaupten, dass ich höfliches und freundliches Verhalten erkennen kann, ohne dass man mich darauf hinweist.

Entweder ist ein Text höflich geschrieben.
Oder der Text ist unhöflich geschrieben.
Dann wird er nicht dadurch höflich, dass man das Wort „höflich“ verwendet.

All die Freundlichkeit und Höflichkeit hat einen gemeinsamen Nenner: Der Urheber der Texte befindet sich in einer Bittsteller-Situation. Das ist per se eine unangenehme Sache.

Meine erste These war die: „Je dringender die Bitte, desto freundlicher die Formulierung“ oder anders: „Je länger ich meine Rechnungen nicht bezahle, desto höflicher die Mahnungen“.
Dagegen spricht jedoch, dass ich selbst ein Interesse daran habe, meine Rechnungen zu begleichen und daher auch einer „unhöflichen“ Bitte nachkommen werde. Niemand hat Lust auf Mahngebühren oder Pfändungen.

Statt dessen gibt es zwei andere Faktoren, die den „Höflichkeitsgrad“ (d.h. die Nutzung überflüssiger Adjektive) der Nachricht entscheidend beeinflussen: der Aufwand und der empfundene Nutzen für den Adressaten.

Je größer der Aufwand und je geringer der Nutzen, desto „freundlicher“ die Bitte.

Grafik Aufwand Nutzen

Wenn meine Versicherung von mir eine Information möchte, die ich nur nach aufwändiger Recherche oder/und Versenden eines Rückumschlags (den ich zur Post bringen muss!) liefern kann und wenn ich gleichzeitig keinen offensichtlichen Nutzen aus dem ganzen Vorgang ziehe – dann ist es Zeit für den Superlativ:

„„Ich bitte Sie höflichst um Rücksendung des Fragebogens im beigefügten Rückumschlag!““

Aufwand hoch, Nutzen = Null.

Ähnliches gilt für die folgende Aufforderung, die mir in einer Arztpraxis begegnet ist:

freundliche bitte

Der Aufwand, den Lichtschalter zu betätigen, mag klein sein, aber mein persönlicher Nutzen liegt bei Null (abgesehen von dem guten Gefühl, etwas für die Umwelt getan zu haben). Dennoch halte ich den Superlativ hier für übertrieben, er wirkt geradezu passiv-aggressiv. Andererseits vermittelt er auch die Resignation des Bittstellers, der keinerlei Druckmittel in der Hand hält (schmerzlich bekannt aus der Kindererziehung).
Im Übrigen würde ich die geäußerte Bitte auch ohne das Wort „freundlichst“ als freundlich einstufen.

„“Ich bitte Sie höflichst um Rücksendung des Fragebogens im beigefügten Rückumschlag““ könnte man also folgendermaßen übersetzen:

„“Ich weiß, dass der Aufwand, welcher Ihnen durch die Erfüllung meiner Bitte entsteht, in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen steht. Ich weiß, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, meinem Ersuchen nachzukommen. Deshalb möchte ich Sie mithilfe von Schlüsselwörtern dahingehend manipulieren, dass Sie die Erfüllung meines Anliegens (inklusive des Spaziergangs zur Post) als moralische Notwendigkeit empfinden.“

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich selbst schon „“Friendly Reminders““ versandt habe. Es gehört zu meiner täglichen Arbeit, Menschen daran zu erinnern, Dinge zu tun, die ihnen lästig sind (in meinem Arbeitszeugnis wird man hoffentlich eine nettere Beschreibungen dafür finden).

Warum man hier das englische Wort nutzen muss, bleibt zu diskutieren – ich schätze, sprachliche Idiotie lässt sich in der Fremdsprache leichter ignorieren.

Mittlerweile verwende ich das Wort „„friendly““ nur noch, wenn ich ausdrücklich darum gebeten werde. Meine Kollegen erhalten also meist „nackte“, aber freundlich formulierte Erinnerungsmails. Es sind diese kleinen rebellischen Akte, die in einer Welt voller Floskeln und Worthülsen einfach gut tun.

In diesem Sinn bitte ich euch höflichst, die Augen offen zu halten und manipulative Adjektive unverzüglich zu enttarnen!

Nachtrag, 08.08.14: Das Thema lässt mich selbst im Urlaub nicht los. An der Tür zum Standesamt Attendorn bin ich auf den folgenden Hinweis gestoßen:

höflicher Reis

Das menschliche Bedürfnis, bei Hochzeiten Reis zu werfen, muss schon sehr ausgeprägt sein 🙂

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