„Willst du diese Rose?“ oder „Der Hype ums Hymen“

Neulich bin ich über eine Analogie gestolpert, mit deren Hilfe christliche Fundamentalisten in den USA ihre Töchter zur „Reinheit“ motivieren.

Ort des Geschehens sind meist Jugendfreizeiten oder christliche Versammlungen.
Wenn Mädchen und Jungen in getrennte Räume geführt werden, wissen die meisten schon, dass es Zeit für eine Lektion in Sachen „Reinheit“ ist.
Dann wird der Raum abgedunkelt und der Redner tritt ans Pult.

Zunächst zeigt er den Mädchen eine perfekte rote Rose, bestaunt sie demonstrativ von allen Seiten, lobt ihre Schönheit und ihren Duft. Dann reicht er sie an das Publikum weiter und ermutigt es, sie anzufassen und Souvenirs abzureißen. Nachdem alle Hände die Rose berührt haben, präsentiert der Redner sie erneut dem Publikum: zerrupft, zerrissen und welk.
Dies, so die Botschaft, passiert mit einem jungen Mädchen, das sich von anderen Männern als seinem späteren Ehemann anfassen lässt. Durch jede Berührung verliert es einen Teil seines ursprünglichen Werts, bis nur Biomüll übrig bleibt.

„WHO WOULD WANT THIS?“

Studien legen nahe, dass sich das Sexualverhalten fundamentalistisch indoktrinierter Teenager unwesentlich von dem ihrer Altersgenossen unterscheidet. Die USA haben noch immer die höchste Rate an Teenager-Schwangerschaften in der westlichen Welt und sexuell übertragbare Krankheiten sind ein verbreitetes Problem. Es liegt der Schluss nahe, dass die rigide Moralerzieung kaum Auswirkungen hat.

Doch weit gefehlt. Junge Mädchen im Bible Belt tun zwar dasselbe, was junge Mädchen in der ganzen Welt tun. Doch viele bezahlen dafür mit Schuldgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen. Und verbringen ihr Leben damit, Abbitte zu leisten.

Eine Bloggerin fasst es so in Worte: „“Every single day I fight against the idea that because of my past (which by most counts is really nothing) I won’t be good enough for a good man of God.““*

Manche „verstümmelten Rosen“ werden aufgrund ihrer Erfahrungen von Männer abgelehnt (die oft genug ein bewegtes Sexualleben hinter sich haben). Eine Frau berichtet von einer massiven Ehekrise, nachdem ein vorehelicher Kuss ans Licht kam.

Doch die wirklichen Dramen spielen sich dort ab, wo Frauen in zerrütteten oder gewalttätigen Beziehungen bleiben, weil sie mit ihrer „bewegten“ Vergangenheit keine andere Alternative sehen.
Für ein gesundes Verhältnis zur Sexualität ist das Ganze sicher auch nicht hilfreich.

Die Rosen-Analogie ist eine massive Attacke auf das Selbstbewusstsein junger Mädchen, da sie ihr Selbstbewusstsein an eine auflösende Bedingung knüpft: „“Your identity and value as a woman is tied to your sexual purity. If you surrender your virginity, you are worthless. Disgusting. Repulsive. Broken. Unwanted.““**

Es ist schon bezeichnend, dass hauptsächlich Mädchen angesprochen werden. Vielleicht lässt sich die männliche Sexualität auch eher mit einem Kaktus vergleichen – das wäre übrigens ein interessanter Programmpunkt für den nächsten Reinheitsball: „Feel free to touch it and keep a souvenir“.

Doch besonders traurig finde ich das implizierte Menschenbild bzw. die Vorstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen.
In der Rosen-Analogie ist jeder Mensch, der einer Frau nahe kommt, ein Seelendieb. Nicht nur wird die Frau zu einem Objekt degradiert, an dem der Mann sich nach Belieben bedient, nein, es wird auch ignoriert, dass eine gesunde Beziehung aus Geben und Nehmen besteht.
Natürlich erfordert eine Liebesbeziehung Investment. Doch für das, was wir geben, bekommen wir auch etwas zurück.

Daher schlage ich für die Rosen-Analogie das folgende alternative Ende vor:

Jede Person im Publikum bekommt eine eigene Blume (meinetwegen auch einen Kaktus). Und wer etwas von der perfekten Rose abreißt, der soll als Gegenleistung ein Stück von seiner eigenen Blume anheften.
Am Ende fehlen der Rose vielleicht ein paar rote Blätter, dafür leuchtet hier eine kornblumenblaue Blüte, dort ein Klecks Sonnenblumengelb, woanders ein gezacktes Löwenzahnblatt.
Es bleibt ein bunter, einzigartiger Strauß. Nicht perfekt, aber berührend und ehrlich.

WHO WOULD WANT THIS?

All diejenigen, die wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Quellen:
*http://sarahannehayes.com/blog/your-purity-is-not-a-rose/
**http://defeatingthedragons.wordpress.com/2013/01/31/51/

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