"Bewegungsmeditation" oder "Die Weisheit der Vielen"*

Alle Jahre wieder vermelden die Medien, dass Weihnachten zur „Konsumschlacht“** verkommen sei und anstatt von Gnaden nur Stress bringe. Wenn sich alle einig sind, dann sollte man grundsätzlich alarmiert sein. Und tatsächlich – als ich mich neulich durch die Besuchermassen des Karlsruher Weihnachtsmarktes schob, da kam mir die Erkenntnis, dass das Gegenteil der Fall ist: Weihnachten entschleunigt mich sogar.

Zwischen Januar und November pflege ich meine Einkäufe zügig und zielgerichtet zu erledigen. Doch in der Weihnachtszeit durchkreuzt das erhöhte Aufkommen kauffreudiger Zweibeiner diesen Plan.

Auf meiner Weihnachtsmarkt-Tour kam ich mir anfangs vor wie ein Porsche 911 Turbo auf der A8. Doch als ich mich gezwungenermaßen dem Tempo der Masse anpasste, blieb mein Blick plötzlich an einem albernen Eierwärmer in Engelform hängen. Zwischen Januar und November wäre mir der niemals aufgefallen – bei 8 km/h und steifem Fahrtwind ist das Sichtfeld ziemlich eingeschränkt. Niemals hätte ich auch nur einen Blick auf die Armeen von Krippenfiguren oder blinkenden Plastiksternen geworfen, die den Weg säumten. Doch als Teil der trägen Masse erschloss sich meinem auf Effizienz getrimmten Ich eine ganz neue Welt.

Wikipedia schreibt: „„Massenbildung [geht] mit einer Verhaltensenthemmung und einer temporären Überschreitung von sozialen Normen einher.““***

Und tatsächlich scheinen an einem weihnachtlichen Samstagabend zentrale Werte unserer Gesellschaft wie Rationalität und Effizienz in der Masse zu verdampfen.

Kontrolle abgeben lautet die Devise. Gib dich der Masse hin, lass dich von ihr treiben. Klingt fast wie Meditation – und so hat es sich für mich auch angefühlt. Zwischen Christbaumkugeln und Lebkuchenherzen hat sich mein Geist eine kurze Auszeit genommen. Und an den Pawlowschen Hund gedacht, der so weit konditioniert wurde, dass ihm schon beim Erklingen eines Glöckchens der Speichel floss. Vielleicht ist es bei uns Menschen gar nicht so viel anders. Wir haben so oft gehört, dass Weihnachten Stress bedeutet, dass uns schon ein paar harmlose Weihnachtsglöckchen in Hektik versetzen.

„Süßer die Glocken nie klingen als zur Weihnachtszeit.’s ist, als ob Engelein singen: Wo ist nur mein Therapeut?“

Es war eine interessante Erfahrung. Aber das Tolle an einer Meditation ist immer noch das Gefühl danach. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass sich die Beschleunigung von 2 auf 8 km/h jemals besser angefühlt hat…

Quellen:

*in Anlehnung an James Surowiecki: „Die Weisheit der Vielen – weshalb Gruppen klüger sind als Einzelne“ (2004)
** Violetta Simon: „Was heißt hier Stille Nacht!“ (Süddeutsche Zeitung)
http://www.sueddeutsche.de/leben/weihnachts-stress-was-heisst-hier-stille-nacht-1.1241816
***http://de.wikipedia.org/wiki/Masse_(Soziologie)

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