Stefanie Hertel auf Antibiotika

„Das Leben ist zu kurz zum Traurigsein.“

Wenn ich diesen Satz in meinem Kalender lese, dann denke ich: „Nun gut, ein Kalender enthält eben Kalendersprüche.“
Wenn Stefanie Hertel diesen Satz (und dutzende andere ähnlichen Kalibers) bei der Volkstümlichen Hitparade zum Besten gibt, dann denke ich: „Nun gut, das ist eben Stefanie Hertel , quasi ein personifizierter Kalenderspruch.“
Wenn ich mich aber mit einem Problem an einen Freund wende, dann möchte ich diesen Satz nicht hören.

Denn Kalendersprüche verhalten sich zu hilfreichen Ratschlägen wie Vitamine zu Antibiotika.
Wer Vitamine zu sich nimmt, fördert seine Gesundheit. Dieser Satz ist universal gültig, passt bei jeder Gelegenheit und hätte das Potential zu einem Nummer 1-Hit bei der Volkstümlichen Fit-Parade.
Wenn ich mich aber mit Schüttelfrost und hohem Fieber zum Arzt geschleppt und ihm meine Symptome geschildert habe, dann will ich nicht hören: „Nehmen Sie Vitamine zu sich“. Dann brauche ich ein konkretes Mittel gegen die konkrete Erkrankung. Antibiotika.

Entsprechend erwarte ich von einem Freund etwas mehr als Gemeinplätze, so schön sie auch klingen mögen. Wenn ich unter Liebeskummer leide, verletzt mich ein abgeklärtes „“Genieße das Leben““, denn ich fühle mich in meinen Gefühlen nicht ernst genommen. „“Genieße das Leben““ klingt dann nach: „„Ich will mich nicht mit deinen Problemen beschäftigen, weil mich das runter zieht“.“

„„Denke positiv““ ist auch so ein Vitamin. Regelmäßig eingenommen steigert es die Lebensqualität, in einem akuten Notfall kann es jedoch gefährliche Nebenwirkungen haben, denn „„viele Menschen […] lassen sich dazu hinreißen negative Gefühle wegzudrücken““*. Irgendwann kommen die elegant entsorgten Emotionen zurück und die Betroffenen „“rutschen vom rosaroten Positivdenker direkt in die Depression, weil sie ja wohl die größten Flachpfeifen sein müssen, wenn alle anderen das schaffen, nur bei ihnen klappt das irgendwie nie.““*

Zwanghaft positives Denken ist also keine Lösung.
Es gibt einfach schwierige Phasen im Leben – aber sie gehen auch irgendwann wieder vorbei (Achtung Kalenderspruch – im akuten Notfall nur bedingt hilfreich!).

Als kleine Gedächtnisstütze sollte jeder das Lied „“Turn Turn Turn““ von den Byrds in seiner Playlist gespeichert haben – eines dieser Stücke, die man mit jeder Sekunde mehr liebt. Die Tatsache, dass der Text fast komplett aus der Bibel stammt (Buch Kohelet, 3, 1-8), dürfte auch dem überzeugtesten Atheisten zeigen, welch tiefe Weisheit in dieser Schrift steckt.

To everything (turn, turn, turn)
There is a season (turn, turn, turn)
And a time to every purpose under heaven

A time to be born, a time to die
A time to plant, a time to reap
A time to kill, a time to heal
A time to laugh, a time to weep

A time to build up, a time to break down
A time to dance, a time to mourn
A time to scatter stones
A time to gather stones together

A time for love, a time for hate
A time of war, a time of peace
A time you may embrace
A time to refrain from embracing

A time to gain, a time to lose
A time to rend, a time to sew
A time to love, a time to hate
A time for peace, I swear it’s not too late!

Im Winter trägst du keine Sandalen, du schwimmst nicht im See, du sitzt nicht bis Mitternacht im Biergarten und schlürfst kühles Weizen. To everything there is a season. Geh Schlitten fahren oder ins Kino, trink Glühwein, entfroste den Kühlschrank, nimm ein heißes Bad, schlafe 12 Stunden am Stück. Die aktuelle Jahreszeit will ausgekostet werden –- nur dann lässt sie dich irgendwann auch wieder los.

Ein wahrer Freund ermutigt dich daher, deine Gefühle zuzulassen. In einer Zeit des Wut erträgt er deine Aggression, in einer Zeit der Trauer erträgt er deine Tränen, auch wenn das bedeutet, dass er mit dir leidet. Doch es werden wieder Zeiten der Liebe, des Lachens und des Tanzens kommen, in denen sich eure Freude über die Grenzen der Mathematik hinaus multiplizieren wird.

To everything there is a season.

Und nie vergessen: Ohne Winter gäbe es auch keine Frühlingsgefühle!

Quellen:
*“Positives Denken – das große Missverständnis“, http://www.wissen-ist-macht.tv/blickpunkte/positives-denken-das-grose-missverstandnis/
Die Bibel
Stefanie Hertel
The Byrds
Mein Hirn

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2 Kommentare zu “Stefanie Hertel auf Antibiotika

  1. Ich finde nicht, dass man es so schwarz/weiß sehen kann. Ist dann also ein Freund, der dir Auswege aufzeigt automatisch ein schlechter von dem man ausgehen muss, dass er kein Anteil nimmt? Auch wenn jede Zeit ihre Saison hat, gibt es doch auch im Winter Sonne und im Sommer Sturm und Regen und nicht zuletzt gibt es die Übergänge Frühling und Herbst, die komplett gemischt sind. Im solch schweren Situationen teilt wahrscheinlich jeder Freund seine persönliche Überlebensstrategie. Ob man diese annimmt, oder gar übernimmt ist natürlich eine andere Frage. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass hinter diesen Aussagen viel mehr steht – Erfahrung, Leid, Schmerz – und der Wunsch einen Freund wieder glücklich zu sehen.

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  2. Auswege aufzeigen finde ich ja super. Mich stören nur diese abgelutschten Floskeln, bei denen man genau spürt, dass sich das Gegenüber null Gedanken gemacht hat. Vielleicht kommt es einfach darauf an, wie man es rüber bringt.

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