Slippery Slope

Heute habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie wir uns in unangenehmen Situationen verbal aus der Affäre ziehen.

Ein Beispiel dafür ist der grauenvolle Satz „“Mir ist die Hand ausgerutscht““, der häufig von Eltern genutzt wird, die gegenüber ihren Kindern die Hand nicht nur erhoben, sondern diese auch mit einer gleichmäßig beschleunigten Bewegung wieder gesenkt haben (ja, mir wird beim Schreiben gerade übel).
Die Formulierung „„Mir ist die Hand ausgerutscht““ vermittelt den Eindruck, als hätte die Hand eine Eigendynamik entwickelt, derer sich die daran hängende Person unmöglich widersetzen konnte. Für das Opfer muss sich das wie ein weiterer Schlag anfühlen.

Wer eine andere Person schlägt, der sollte dazu stehen und nicht ein weisungsgebundenes peripheres Körperteil dafür verantwortlich machen. Hände rutschen nicht aus, sondern Menschen tun mit ihrer Hilfe Dinge!
Wurde jemals eine Hand dafür gewürdigt, dass sie ein schönes Bild gemalt, ein Musikstück gespielt oder einen Kuchen gebacken hat? Aber wenn dieselbe Hand einen verwerflichen Befehl von oben ausführt, dann wird sie plötzlich zum Selbstläufer, dessen Antiblockiersystem versagt.
Gewalt sollte keine Option ein. Wer aber sagt: „„Ich habe dich geschlagen. Es tut mir Leid““, der übernimmt zumindest Verantwortung für seine Tat und verdient dafür Respekt.

Dasselbe Prinzip auf die verbale Ebene übersetzt: „„Es ist mir heraus gerutscht“.“
Offensichtlich fehlt auch unseren Worten mitunter der nötige Grip, um auf rutschigem Untergrund die Spur zu halten.

Ähnliche Umschreibungen hört man, wenn es um das Thema Untreue geht: So „“landen““ Menschen gerne in andere Leute Betten.
Die Terminologie stammt hier aus der Luftfahrt, einem Bereich, der besonders anfällig für externe Einflüssen (Wetter, Technik, Vogelschwärme, müde Fluglotsen) zu sein scheint.
Insofern liegt die Vermutung nahe, dass die Landung in einem fremden Bett häufig eine den widrigen Umständen geschuldete Notlandung war. Oder eben ein „Ausrutscher“.

Oder: „Es ist einfach passiert“ -– die Universalklausel schlechthin.

Wenn „“etwas passiert““, dann impliziert das eine gewisse Ohnmacht. Naturkatastrophen, Krankheiten oder Unfälle passieren – die aktive Form „“ich passiere““ oder „„du passierst““ kennen wir nur aus der gehobenen Küche.

Ich möchte mir kein Urteil über das Verhalten anderer Menschen erlauben. Niemand ist ohne Fehler und manchmal tun Menschen einfach Dinge, die sie im Nachhinein bereuen.
Mir selbst kam die Idee für diesen Text, als ich mich bei der Aussage „“Es ist eben passiert““ im Zusammenhang mit einer zutiefst aktiven Handlung erwischte und dachte: Diese Beschreibung wird weder dem Geschehenen, noch mir selbst oder den anderen Beteiligten gerecht.

Der feine Unterschied liegt, wie so oft, in der Kommunikation.
Alle genannten Wendungen, ob sie nun aus dem Automobilbereich oder der Luftfahrt entstammen, haben einen Zweck: Verantwortung weg zu schieben!

Wer Verantwortung übernimmt, erklärt sich dazu bereit, in einer Angelegenheit Rede und Antwort zu stehen und die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen.
Wie sollen das all die ausgerutschten Hände und Zungen bewerkstelligen?

Floskeln wie die oben genannten töten Kommunikation, denn sie sind keine Aussagen, sondern Aussageverweigerung.

Doch wer sich als „Opfer der Umstände“ aus seiner Verantwortung zieht, betrügt nicht nur das Gegenüber, sondern auch sich selbst.
Um die Gelegenheit, sich der eigenen Motive bewusst zu werden.
Um die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln.
Und um das schöne Gefühl, das eigene Spiegelbild mit mehr Liebe und Respekt betrachten zu können .

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2 Kommentare zu “Slippery Slope

  1. Verbal Dinge zu kaschieren,
    die halt eben mal passieren,
    ja wie ausgerutschte Hände,
    oder im Beziehungsgelände,
    auch die Fremdbettlandung,
    gehen direkt in die Richtung,
    bei verschuldeten Problemen,
    keine Verantwortung zu übernehmen.

    Das ist teils wirklich ekelhaft,
    doch auch eine Eigenschaft,
    die wirklich so menschlich ist,
    wie jetzt manch anderer Mist,
    den man uns eben so erzählt,
    wie: Es wird niemand gequält,
    im berüchtigten Guantanamo,
    sondern lediglich der Frieden gesichert so.

    Manchen wird’s gar glücken,
    die Fehler so auszudrücken,
    dass sie fantastisch klingen,
    man will da Frieden bringen,
    ja und zwar um jeden Preis!
    Man erzählt uns nur Scheiß,
    um halt niemals zuzugeben,
    dass massenweise Zivilisten verloren ihr Leben.

    Das sind zwar teils blanke Lügen,
    doch eine Art verbal zu betrügen,
    so formuliert, dass sie gut klingen,
    ja dem Volk Verständnis abringen,
    den Bitterarmen und den Reichen,
    aber vor allen, um sich aus der Verantwortung zu schleichen.

    Mit diesem Text wollt ich zeigen,
    dass die Menschen dazu neigen,
    auch auf echt höchstem Niveau,
    ja ganz feige zu agieren ebenso,
    wie es hier, verbal oft ist Brauch,
    und da hat man zurecht ein übles Gefühl im Bauch!

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