Unfriendly Reminder

Freundschaften enden, genau wie Beziehungen. Im real life läuft das meistens so ab, dass zuerst die Gesprächsthemen ausgehen, man sich dann immer seltener sieht und irgendwann gar nicht mehr. Was bleibt, sind Erinnerungen an schöne gemeinsame Zeiten, vielleicht gepaart mit etwas Wehmut. Alles in allem ein recht neutrales Gefühl.

Entscheidend ist, dass der Prozess des „Entfreundens“ eintritt, ohne dass die beteiligten Parteien tätig werden (bzw. gerade deshalb).

Im Gegensatz dazu ist das „Entfreunden“ in sozialen Netzwerken ein aktiver Akt, dem der bewusste Entschluss voraus geht, eine Person aus seinem Leben entfernen zu wollen.
„Entfreunden“ ist eine nicht empfangsbedürftige Willenserklärung, d.h. der „Entfreundete“ wird nicht darüber informiert, dass er aus einem Freundeskreis ausgeschlossen wurde, ebensowenig darf er Stellung dazu nehmen. Irgendwann wird er es wahrscheinlich bemerken und sich ziemlich hintergangen fühlen.
Von einem neutralen Gefühl kann jedenfalls nicht die Rede sein und an Stelle der oben erwähnten Wehmut wird wohl eher Wut treten.

Wieso tun Menschen so etwas?

Irgendwann muss der „Entfreundende“ die Kontaktanfrage des „Entfreundeten“ akzeptiert haben. Meinungen ändern sich und das ist auch gut so. Doch Facebook (ebenso wie andere soziale Netzwerke) bietet so viele weniger invasive Möglichkeiten, den Zugriff auf das eigene Profil einzuschränken. Man kann Personen blocken, ihre Einträge ausblenden oder seine Kontakte in Gruppen einsortieren und die Zugriffsrechte entsprechend anpassen.

Wieso also „entfreunden“?

Ich bin in Sachen „Entfreunden“ noch jungfräulich und musste mich in dieser Angelegenheit extern beraten lassen. Ergebnis der Studie: In meinem Bekanntenkreis wurden Personen in der Regel dann „entfreundet“, wenn ein handfester Streit oder eine gescheiterte Liebesgeschichte zugrunde lag. Fair enough, hier darf auch mal der Knopf gedrückt werden.

Aber es gibt auch weit weniger dramatische Fälle, „“friend-cleaning““ wird das dann genannt. Menschen löschen Personen aus ihrer Liste, mit denen sie längere Zeit keinen Kontakt hatten oder die sie einfach nicht mehr interessieren.
Ist der natürliche Freundschaftstod vielleicht ein Relikt aus vergangenen Zeiten?
Beendet man Freundschaften heute mit der Giftspritze?

Kürzlich las ich in der Zeitschrift „Myself“ einen Artikel von Lotte Kramer, in dem es genau um dieses Thema ging. Die Autorin stellt den Vorschlag in den Raum: „“Vielleicht müssten wir Freundschaften wie Liebesbeziehungen behandeln. Schluss machen oder Paartherapie.““
Und hier sage ich: nein. Ich habe kein Bedürfnis wegen jeder zu Ende gegangenen Freundschaft unter Trennungsschmerz zu leiden. Ich renne im Herbst auch nicht durch den Wald und reiße die Blätter von den Bäumen, wenn ich weiß, dass sie sowieso demnächst abfallen.
Ich plädiere für Fade out an Stelle von Big Bang!

„Entfreunden“ ist ein aggressiver und feiger Akt, bei dem es nicht darum geht, die Freundesliste zu verschlanken oder die Timeline zu entrümpeln. Es geht um Kontrolle und Macht.
Das Gefühl, per Mausklick aus einem Leben eliminiert zu werden (und nicht einmal davon zu erfahren!), ist demütigend. Warum bietet Facebook nicht wenigstens die Option „Tschüss“ oder „Mach’s gut“ an, um einen gewissen Respekt gegenüber der „entfreundeten“ Person zu wahren? Oder setzt zumindest eine Benachrichtigungsfunktion ein?
Natürlich, weil kein Bedarf besteht. Man will ja Diskussionen vermeiden.

Wer im real life eine Freundschaft beenden will, der tut einfach NICHTS – und die Sache erledigt sich von selbst. Der Unterschied zwischen „Entfreunden“ im virtuellen Leben und dem Beenden einer Freundschaft im real life ist also der zwischen Tun und Unterlassen, den beiden Polen, die die gesamte Bandbreite menschlichen Handelns beinhalten.

Wollt ihr wirklich verbrannte Erde hinterlassen?

Auch wenn mich das jetzt 10 Euro fürs Floskelschwein kostet: Möglicherweise sieht man sich ja doch zweimal im Leben…

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