"Was nicht Kerngeschäft ist, muss raus!"* oder "Das Prinzip Outsourcing"

Wikipedia definiert den Begriff „“Outsourcing““ folgendermaßen:

„“Outsourcing bzw. Auslagerung bezeichnet in der Ökonomie die Abgabe von Unternehmensaufgaben und -strukturen an externe oder interne Dienstleister. Insbesondere verbindet man in Deutschland die Auslagerung von Arbeitsplätzen in kostengünstigere (weil häufig nicht tarifgebundene) Tochtergesellschaften.““

„Outsourcing“ klingt menschenfeindlich. Es klingt nach Ausbeutung, Hungerlohn und unbezahlten Überstunden. Vor allem klingt es nach einem Phänomen aus der jüngsten Zeit.
Nicht umsonst war der Begriff im Jahre 1996 in der Endauswahl zum „Unwort des Jahres“ mit der Begründung: „Imponierwort, das der Auslagerung/Vernichtung von Arbeitsplätzen einen seriösen Anstrich zu geben versucht“.

„Früher gab es so etwas nicht“, höre ich viele Menschen sagen. Früher wurden die Menschen ordentlich bezahlt, waren quasi unkündbar und von „Burnout“ hatte keiner je gehört (wann genau dieses „„gute Früher““ anzusiedeln ist, bleibt allerdings ungeklärt).

Meiner Meinung nach ist Outsourcing ein Grundprinzip menschlichen Lebens, so alt wie die Menschheit selbst.
Gerade das Outsourcing von Denkleistung scheint mir ein altbewährtes Mittel zu sein, um das eigene Leben zu erleichtern.

Es ist auch verdammt anstrengend, sich über die drängenden Fragen des Lebens Gedanken zu machen: Wozu sind wir hier? Was kommt nach dem Tod?
Etwas alltagsnäher:
Ist es okay die Frage meiner Mutter, ob es denn etwas Neues gebe, mit „Nein“ zu beantworten, wenn ich den Job verloren und mich von meinem Freund getrennt habe?
Oder:
Beobachtet mich jemand (außer der NSA) beim illegalen Herunterladen der neuesten Folge von Breaking Bad?

Religionen und Ideologien geben uns in einem solchen Fall hilfreiche Richtlinien vor. Und das schon seit Urzeiten.

Wenn sich Marcus Tavernus im alten Rom die Frage stellte, ob er mit der attraktiven Publia von nebenan einen Krug Honigwein trinken sollte, dann musste er nicht Vor- und Nachteile abwägen oder sein Moralgefühl befragen, sondern konnte sich direkt ein Beispiel am Göttervater Zeus nehmen – und der Dame nicht nur Gesellschaft leisten, sondern sie direkt schwängern.

Wäre Marcus Tavernus etwas später geboren und christlichen Glaubens, dann wüsste er, dass er die Einladung besser ablehnen sollte, da Publia die Frau von Walter ist und dieser nicht nur sein Nachbar, sondern auch sein Nächster, dessen Weib er nicht begehren darf.
Gleiches Prinzip – unterschiedliches Ergebnis. Aber alles ganz ohne Nachdenken.

Auch die Kindererziehung fällt viel leichter, wenn man sich nicht den Kopf zerbrechen muss, um dem Dreijährigen zu erklären, warum er seinem Freund nicht das Spielzeug klauen darf.
Es steht im siebten Gebot. Zack.

Outsourcing ist also nichts Neues.

Es hat ja auch gewaltige Vorteile – wie das Handelsblatt in einem Artikel vom 13.07.2003 beschreibt:

1. Konzentration aufs Kerngeschäft
In unserem Fall bedeutet das: Wer nicht so viel denken muss, der kann sich auf das Kerngeschäft des menschlichen Daseins konzentrieren – das wäre dann wohl die Fortpflanzung.

2. Kostenreduzierung:
Das Unternehmen muss nicht selbst Infrastrukturen vorhalten“.
Heißt dann wohl, dass ein Mensch, der das Denken auslagert, sich nicht um den Zustand seines Denkorgans kümmern muss – Gehirnzellenvernichtung durch Alkohol und sonstige Drogen stellt kein Problem dar und auch Training oder regelmäßige Wartung sind überflüssig.
Ergo: es bleibt noch mehr freie Zeit fürs Kerngeschäft (s.o.).

3. Transparenz:
Zum Thema Transparenz habe ich den folgenden Satz gefunden, der allein schon seiner kreativen Wortwahl wegen in diesen Artikel musste: „Fremdvergebene Dienstleistungen können einfach und regelmäßig hinsichtlich Qualität und Kosteneffizienz am Markt gebenchmarkt werden“.
Auch wer Dinge von sich gibt, die nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen ist, möchte sicher gehen, dass es sich nicht um den größten Mist auf dem Markt handelt.
Wenn das Benchmarking nur nicht so wahnsinnig aufwändig wäre. Lässt sich das nicht auch outsourcen?

4. Know-how-Transfer
Durch den Rückgriff auf einen auf sein Gebiet spezialisierten Dienstleister wird die auszulagernde Aufgabe in der Regel effizienter und hochwertiger erfüllt.“
Politiker, Gurus und Päpste müssen sich nicht um die nervigen Fragen des Alltags kümmern (wo ist der Autoschlüssel/wer holt das Kind von der Kita ab/wieso ist das Klopapier schon wieder leer?), sondern können ihre ganze Energie auf die Beantwortung der entscheidenden Fragen richten. Sie sind außergewöhnlich gebildet, werden von Experten beraten und hängen an einer Standleitung zu höheren Mächten. Und das Beste ist: sie lassen uns an ihrer Weisheit teil haben.

Bisher absolut überzeugend! Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Risiken des Outsourcing:

5. Abhängigkeit
„Je weitergehender der Outsourcing-Prozess, desto größer die Gefahr für das Unternehmen, dass durch Mängel der Dienstleistung […] Schäden entstehen.“
Tja, wenn wieder mal ein Skandal ans Licht kommt oder heilige Schriften als Fälschung/Propheten als Vollidioten entlarvt werden, dann steht man vor einem Scherbenhaufen.

6. Missverständnisse
„Unklar formulierte Service-Levels, Verträge oder Pflichtenhefte führen zu Spannungen zwischen Auftraggeber und Dienstleister. Der Outsourcing-Erfolg ist gefährdet.“
Die unklar formulierten Pflichtenhefte sind in der Tat ein Problem. Wer hat schon Zeit Altgriechisch zu lernen oder sich mit der historisch-kritischen Exegese zu befassen?
Zum Glück können wir uns immer auf das Know How des Dienstleisters verlassen (siehe Punkt 4).

Zusammenfassend sehen die Anforderungen an erfolgreiches Outsourcing folgendermaßen aus:

7. Genaue Vertrags-Definitionen
„Service Levels (genaue Vereinbarungen über den Standard der Leistung, Umfang, zeitliche Abfolge) sind ebenso festzulegen wie Vereinbarungen über die Haftung und Schadensregulierung bei Nicht- oder Teilerfüllung.“
Rufen wir uns noch einmal in Erinnerung, worin das Austauschgeschäft besteht: Denkleistung gegen Gehorsam und ggfs Missionstätigkeit. Idealerweise streben beide Seiten ein Laufzeit an, die sich um +/- Unendlich bewegt. Nach Ablauf des irdischen Lebens lohnt sich eine Neuverhandlung der Konditionen.
Gehaftet wird von Seiten des Dienstleisters leider nicht. Aber auch das Schlechte hat einen tieferen Sinn, bei dessen Erkenntnis der Dienstleister gerne unterstützt.

8. Sorgfalt bei der Auswahl des Dienstleisters
„Nicht unbedingt der preisgünstigste ist für das Unternehmen der beste Partner. Wenn die Schäden einer unglücklichen Zusammenarbeit die Kostenersparnis übersteigen, hilft das günstigste Angebot dem Unternehmen wenig.“
Es muss auch in Bayern nicht immer der Katholizismus sein. Insider munkeln, dass der Buddhismus einen guten Return On Investment bietet.

9. Kontrolle
„Das outsourcende Unternehmen muss die Arbeit des Dienstleisters anhand klar definierter Leistungsmerkmale kontrollieren. Ein regelmäßiger Austausch zwischen den beteiligten Mitarbeitern des Auftraggebers und des Dienstleisters sollte vereinbart und auch geübt werden.“
Auch hier bestehen Defizite auf Seiten der Auftraggeber, die völlig mit ihrem Kerngeschäft ausgelastet sind und keine freien Kapazitäten für Controlling und Qualitätsmanagement übrig haben. Ein reger Austausch scheitert zudem oft an unklar formulierten Botschaften von Seiten des Dienstleisters (siehe Punkt 6.: Missverständnisse).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Outsourcing mag nicht immer die eleganteste Lösung sein, aber es ist menschlich. Und es hat sich über Jahrtausende bewährt.
Insbesondere das Outsourcing von Denkleistung an kompetente Dienstleister verschafft den Menschen mehr Zeit für ihr Kerngeschäft, die Fortpflanzung. In einem aussterbenden Land wie dem unsrigen dürfte das eine interessante Erkenntnis sein…

Quellen:
*http://www.computerwoche.de/a/was-nicht-kerngeschaeft-ist-muss-raus,584319
http://www.unwortdesjahres.net/index.php?id=33
http://www.handelsblatt.com/archiv/outsourcing-vorteile-und-risiken/2258606.html
http://www.outsource2india.de/warum_outsourcing.htm

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s