Gedanken zum KdF-Seebad Prora

Idyllisch gelegen auf der Ostseeinsel Rügen liegt das Seebad Prora.
Die nationalsozialistische Regierung ließ hier Ende der dreißiger Jahre 4,5 km Wohnblocks erbauen, in denen bis zu 20.000 Menschen ihren Urlaub verbringen sollten. Mit Ausbruch des zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten eingestellt – der Komplex diente zunächst als Flüchtlingslager und Lazarett und wurde dann nach Ende des Krieges als Kaserne genutzt. 1990 übernahm die Bundeswehr das Gelände, verließ es jedoch zwei Jahre später wieder. Seitdem steht die Anlage unter Denkmalschutz und ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Ebenso lange dauern auch schon die Diskussionen an, wie mit dem Koloss umzugehen sei. Aktuell befinden sich in den Räumlichkeiten Museen, eine Jugendherberge, Künstlerateliers und Gastronomie. Einige Blöcke wurden von Investoren aufgekauft und befinden sich in der Renovierung, der größte Teil aber steht leer und verfällt zusehends.

Grund genug, den Erholungsurlaub auf Rügen für einen kleinen Ausflug zu nutzen. Hier meine Eindrücke:

Kraft durch Freude – –beim Anblick der tristen braunen Steinklötze kommt mir weder das eine noch das andere in den Sinn. Nationalsozialistische Allmachtssymbolik sucht man hier vergeblich, statt dessen ist nervtötende Zweckmäßigkeit angesagt.

Doch je länger ich mit meinem Fahrrad an den Häuserblöcken entlang radele, desto mehr spüre ich den Herzschlag der Anlage.

Die sich in Endlosschleife wiederholende Abfolge von Quer- und Längsbauten gibt einen gleichförmigen Rhythmus vor und versetzt den Passanten in eine visuelle Trance.
Da der Weg recht holprig ist, wird man jedoch in unregelmäßigen Abständen wach gerüttelt und daran gehindert, sich der aggressiven Unterforderung der Sinne zu beugen. Jedes Schlagloch liefert somit neue “Denkanstöße”.

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Im Hintergrund dröhnen Presslufthammer, LKW und Bagger drängen sich zwischen den Besuchern hindurch und erinnern daran, dass es auch ein „“Neues Prora““ gibt – das in überdimensionalen Plakatwänden beworben wird (ironischerweise erinnern gerade diese Plakate an die Propaganda totalitärer Regime).

Das „“Neue Prora““ steht für modernste Apartments von der Stange, die eine Berliner Investorenfirma in den denkmalgeschützten Gebäuden bauen lässt. Schilder locken mit Steuervorteilen und Vertreter der Baufirma winken eifrig Touristen in die Musterwohnung.
„„Kommen se rin, drinnen isses kühl, hier wurde stabil jebaut“,“ winkt uns der Berliner in das dunkle Treppenhaus. Nach einem Einführungsfilm im wohltemperierten Eingangsbereich besteigen wir die Steintreppen in den dritten Stock. Geländer und Fenster sind bereits mit Folien abgedeckt und warten auf ihre Verjüngungskur. Schließlich rutschen wir in riesigen gelben Puschen durch die aalglatte Musterwohnung und loben den Meerblick (hier kommt dann tatsächlich so etwas wie Freude auf).

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Hatte ich mich meiner anfänglichen Enttäuschung ob der zweckmäßigen Architektur noch fast geschämt –- so darf man doch nicht über ein NS-Bauwerk denken -, wurde mir bald klar, dass dieses Gefühl hier genau richtig ist. So viele Fragen liegen in der Luft. Wie soll ich mich fühlen angesichts dieses Anblicks und wie fühle ich mich wirklich? Gibt es gute und böse Architektur? Darf man ein NS-Bauwerk langweilig finden?

Prora ist ein einziges Fragezeichen. Der gesamte Komplex vermittelt den Eindruck von Ratlosigkeit, wie mit dem NS-Erbstück umzugehen ist. Viele Fenster sind zerbrochen, ein paar Graffitis zieren die Fassaden, daneben werkeln Handwerker in einem entkernten Bauteil, der bald schon ein Luxushotel beherbergen soll. Pfeile weisen in eine kleine Galerie, Museen, ein Kaffeehaus. Es gibt Bratwurst und Döner Kebab.

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Prora lebt –- und nicht nur das. Vergangenheit und Gegenwart bilden eine Symbiose. Sie bedienen sich aneinander, nähren sich und fordern sich immer wieder heraus. In diesem lebendigen Zustand ist die KdF-Anlage Prora mehr Mahnmal als es jedes Museum sein könnte, denn zwischen Luxuswohnung, Dokumentationszentrum und Graffitiwänden ist unendlich viel Raum für eigene Gedanken.

Ich fürchte nur, dass im Laufe der nächsten Jahre immer mehr von diesem Unfertigen, Lebendigen verschwinden wird. Die ersten Fassaden sind schon weiß gestrichen und auch der holprige Weg wird, nach Aussage des Berliner Baulöwen, in spätestens zwei Jahren einer schönen asphaltierten Straße weichen. Schade.

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