Schmerzen, Schweiß und Sprachforschung

Groß ziehen

Tauziehen, Zähne ziehen, Wurzeln ziehen – das sind unangenehme bis schmerzhafte, in jedem Fall aber kräftezehrende Angelegenheiten. Erstaunlich gut in diese Reihe passt auch die Wendung „“ein Kind groß ziehen““.

Während in den romanischen Sprachen oder im Englischen bei der Landwirtschaft entlehnt (englisch: to rear, spanisch: criar, italienisch: allevare = aufziehen/züchten) oder schlicht eine Hebevorgang beschrieben wird (englisch: to raise, französisch: élever = anheben), klingt das deutsche „“groß ziehen““ nach schwellenden Muskeln, Schweiß und Schmerzen. Und nach Widerstand – so als müsse man Kinder zu körperlichem und geistigem Wachstum zwingen.

Dass Elternsein bisweilen unangenehm, schmerzhaft und kräftezehrend ist, will ich gar nicht bestreiten. Aber das ist es in Marseille oder Manchester auch. Und trotzdem klingt „“I raise my children““ oder „“J’élève mes enfants““ weniger brachial als „„Ich ziehe meine Kinder groß“.

Ich werde mich hüten, eine Verbindung zu der miesen Geburtenrate oder einer grundsätzlichen Stimmung in unserer Gesellschaft zu ziehen. Aber ein bisschen weniger Ziehen und Zerren würde uns vielleicht gut tun – und am Ende wachsen die Kinder ja doch von alleine.

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