"Until Net Do Us Part" oder "eingetragene Partnerschaft 2.0"

In meinem Heimatdorf hatte jede Familie an ihrer Wohnung ein individuell gestaltetes Schild angebracht: „Hier wohnt Familie XY“. Ob es sich nun um ein Salzteig-Arrangement oder eine aufwändige Sägearbeit handelte – allen gemeinsam war die Aussage: „Wir gehören zusammen“.

„Wir wollen von außen als zusammengehörig erkennbar sein“, argumentierten auch meine verheirateten Freundinnen, ausnahmslos gebildete selbstständige Frauen, als sie bei der Hochzeit die Namen ihrer Männer übernahmen (und dabei ästhetische wie semantische Aspekte völlig außer acht ließen). Das Salzteigschild an ihrer Haustür enthält jedenfalls nur noch (s)einen Namen.

Damit kommen wir zu unserem Lieblingsfeind/-freund: dem allgegenwärtigen, sich unserer Daten bemächtigenden und die Weltherrschaft anstrebenden Facebook. Was die Wohnung für unsere Körper ist Facebook für unser soziales Ich: ein individuell gestalteter Lebensraum, Rückzugsort und repräsentative Einrichtung zugleich. Das Bedürfnis, als zusammengehörig erkennbar zu sein, erstreckt sich nun auch auf unsere „soziale Wohnung“. Anders kann ich mir nicht erklären, warum in meiner Freundesliste immer mehr Sammel-Accounts à la „“HansUndMariaUndLeonie““ oder „„Familie Schraubstock““ auftauchen. Zu Anfang hielt ich das noch für eine romantische Geste, ähnlich wie den Ehering oder den Familiennamen. Mittlerweile sehe ich jedoch mehr Nachteile.

Regelmäßig werde ich durch Statusmeldungen von „“HansUndMariaUndLeonie““ verwirrt. Der Status „“Aua! Auf dem Weg zur Knie-OP““ stürzte mich neulich in ein Gefühlschaos, da das entscheidende Detail, wer denn nun im Krankenhaus liegt, – meine Freundin Maria, ihr unsympathischer Mann oder ihre süße Tochter-, völlig unterschlagen wurde. Nicht eindeutiger, aber zumindest weniger dramatisch ist die beliebte Statusmeldung „„Ich liebe dich““. Hier würde mich der Urheber aufgrund meiner Vorliebe für Psychologie (wer betreibt hier „fishing for Liebesbekundungen“ und wer wird qua Öffentlichkeit zu solchen erpresst?) durchaus interessieren.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, wenn ich Maria eine Nachricht schreibe und nicht einmal weiß, ob Hans sie vor ihr lesen wird. Auch wenn ich keine staatstragenden Geheimnisse verbreite, so will ich doch nicht, dass Hans über meinen Fußpilz oder den Streit mit meinem Mann Bescheid weiß. Ja, für solche Zwecke gibt es alternative Kommunikationswege – aber mir geht es ums Prinzip. Ich will selbst entscheiden, wem ich welche Informationen zukommen lasse. War das nicht auch der Grund, warum Facebook ständig in der Kritik steht?

Ich finde sowieso, dass auch in einer Partnerschaft eine gewisse Privatsphäre gewahrt werden sollte –- und E-Mail-Accounts stehen ganz weit oben auf der „“Streng privat““-Liste. Aber darüber lässt sich natürlich streiten. Ich habe selbst Freunde, die sich vom E-Mail-Account bis zum Arbeitsplatz alles teilen und damit glücklich sind. Sie verwenden nicht einmal einen Sammel-Account – jeder kennt die Passwörter des Partners und nutzt diese auch regelmäßig. Wir nennen sie nur noch „Martinundbine“. Wenn sie sich jemals trennen sollten, dann werde ich meinen Glauben an die Liebe endgültig begraben.

Ohnehin stellt sich mir die Frage, was mit dem Sammelaccount im Falle einer Trennung passiert. Im Gegensatz zu einer realen Wohnung ist hier eine „gerechte“ Aufteilung der Habseligkeiten kaum möglich. Jeder bekommt „seine“ Nachrichten, er die Statusmeldungen, sie die Fotos? Schwierig. Soll der Account vielleicht wie ein Kind behandelt werden? Streitet man sich dann um Sorgerecht und Besuchszeiten? Vielleicht behält einer den Account und entschädigt den Expartner für seinen Verlust?

Sammel-Accounts im Freundeskreis sind lästig. Aber mit dem Ende der Beziehung haben sie jegliche Daseinsberechtigung verloren. Die einzige Lösung lautet dann: „Delete Account“ – oder für die Romantischen unter uns: „Temporary Deactivation“.

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