„Großfamilie 2.0“ oder „Die wundersame Oma-Vermehrung“

Während ich selbst mit 2 Großelternpaaren aufwuchs, nennt mein Sohn sage und schreibe 7 Frauen Oma: meine Mutter, die Mutter meines Mannes, die beiden neuen Partnerinnen unserer Väter, meine Großmutter, die beiden Großmütter meines Mannes und die Mutter der Frau meines Schwiegervaters. Großväter hat mein Sohn immerhin noch fünf.
Abgesehen von der Tatsache, dass die Menschen heute älter werden und mein Sohn die Vorsilbe „“Ur“-“ konsequent ignoriert, lässt sich das Phänomen der wundersamen Oma-Vermehrung mit der im Vergleich zu früheren Jahren veränderten Lebensführung erklären:

Während unsere Großeltern sich noch vom Tod scheiden ließen, hat die Generation meiner Eltern die serielle Monogamie für sich entdeckt. Sowohl meine Eltern als auch die Eltern meines Mannes sind geschieden, leben aber größtenteils in festen Partnerschaften. Die neuen Partner haben ihrerseits Verwandte mitgebracht, die sich mehr oder weniger intensiv in die neue Familie einbringen. Die Eltern der neuen Frau meines Schwiegervaters sind beispielsweise sehr an meinem Sohn interessiert, da sie selbst keine Enkel haben. Dafür hat sich bei uns die Tanten- und Onkelvermehrung in Grenzen gehalten.

Wenn also in Berufung auf Geburtsstatistiken das Verschwinden von Großfamilien bedauert wird, dann frage ich mich, ob nicht gerade ein neuer Trend zur Großfamilie entsteht. Vielleicht sind die althergebrachten Kriterien nur nicht in der Lage diesen neuen Trend abzubilden (vgl.
http://www.familientrends.de/index.php?option=com_content&task=view&id=485&Itemid=43).
Es ist leicht erkennbar, dass der Indikator „Blutsverwandschaft“ in diesem Zusammenhang nicht mehr taugt. Denn bei 1,4 Geburten pro Frau gewinnt die “Adoption“ neuer Lebenspartner samt Anhang gegenüber der altmodischen Variante der Familienvergrößerung erheblich an Bedeutung. Ein solches System ist allerdings weniger stabil als die klassische Großfamilie – Stichwort „serielle Monogamie“. So manches Familienmitglied wird mit dem Ende der Partnerschaft auch den Kontakt zur adoptierten Großfamilie aufgeben, neue Mitglieder werden dazu kommen.

Der meines Erachtens gravierendste Unterschied zur klassischen Großfamilie liegt jedoch in der Altersstruktur – ein Phänomen, das sich in meiner Familie deutlich zeigt. Auf ein Kind kommen zwei Eltern um die Dreißig, zwei Onkel und eine Tante in ihren Zwanzigern, dazu insgesamt 7 Großeltern zwischen 49 und 63 Jahren, sowie 6 Urgroßeltern im Alter von 74 bis 93 Jahren.
Dies führt zu einem grandiosen Betreuungsschlüssel von 1:18 – das umgekehrte Verhältnis kennen wir von schlecht aufgestellten Kindergärten. Auf der anderen Seite liegt der Altersdurchschnitt unserer Großfamilie bei knapp 57 Jahren. Ich kann es mir nicht rational erklären, aber diese Zahl macht mich irgendwie traurig.

Als mein Sohn an Weihnachten mit Geschenken überschüttet wurde und seine anfängliche Freude zunehmend in Überforderung umschlug, da drängte sich mir der Gedanke auf, dass hier irgendetwas falsch läuft. Und ich fragte mich, wie es sich wohl für meinen Sohn anfühlt, von so vielen Menschen geliebt, beschenkt und verwöhnt zu werden, andererseits aber auch der Adressat so vieler Wünsche und Erwartungen zu sein, sei es in Bezug auf regelmäßige Besuche, auf sein Verhalten oder auf die zukünftige Lebensplanung.

Als lösungsorientierter Mensch sehe ich nur die folgenden Möglichkeiten: mehr Kinder bekommen oder ein paar Großeltern umbringen (Achtung Sarkasmus).
Vielleicht ist es gerade das, was mir Unbehagen verursacht: Mein Mann und ich sind die Einzigen in dieser Großfamilie, die etwas an dem Missverhältnis ändern könnten. Wir befinden uns am Schalthebel der Macht und wie schon Spiderman wusste: „With great power comes great responsibility“.

Auch wenn mir die Thematik der alternden Gesellschaft oder die Implikationen einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau schon lange bekannt waren, hatte sich mein Wissen bisher auf einer rein rationalen Ebene bewegt. An Weihnachten 2012, als mein Sohn in blinkendem Plastikspielzeug, Süßigkeiten und Liebesbekundungen zu ertrinken drohte, habe ich erstmals die emotionale Reichweite erfasst. Es war der Tag, an dem die Statistik das Gesicht meiner Familie angenommen hat.

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