"Babysprache im Büro" oder "Wehe dem Imperativ!"

Neuerdings begegnen mir überall diese hübschen Bildchen oder Bemerkungen, mit denen der Urheber seine Mitmenschen um die Befolgung einfachster Regeln bittet.
Zum Beispiel stieß ich beim Toilettenbesuch in meiner Firma auf die folgende Anleitung:

klo-manual

Ich muss zugeben, dass ich auf Bevormundung etwas überempfindlich reagiere – jedenfalls schlug meine Freude über die blitzsaubere, moderne und wohlriechende Bedürfnisanstalt umgehend in eine Mischung aus Verwunderung und Empörung um. Keiner muss mir erklären, was eine Toilette ist und wozu man eine Klobürste verwendet. Mein zweijähriger Sohn würde aus dem Bildchen vielleicht einen Erkenntnisgewinn ziehen, aber ein Mensch, der in der Lage ist, die Erklärungen selbst zu lesen, gehört meiner Meinung nach nicht mehr zu ihrem Adressatenkreis.

Ein ganz anderer Punkt ist der, dass es sich bei meinem Arbeitgeber um ein männerdominiertes Unternehmen mit gefühlt unter 10% Frauenanteil handelt. Und die besagte Toilette befand sich keineswegs im Fachbereich Marketing oder Kommunikation, sondern in einer IT-Abteilung. Als ich den Flur entlang lief, konnte ich genau SECHS weibliche Namen an den Türen ausmachen. Wie können sechs Damen plus gelegentliche Besucher die vier Toiletten derart beschmutzen, dass jemand glaubt, bei den absoluten Basics der Sauberkeitserziehung ansetzen zu müssen?
Sollte bei einer so geringen Anzahl von Nutzerinnen nicht die soziale Kontrolle greifen? Wer will denn schon von den wenigen weiblichen Kolleginnen des Toilettenbeschmutzens verdächtigt werden?

Die Unart, Befehle in kindgerechte Aussagen zu verpacken, war mir allerdings am Arbeitsplatz schon häufiger begegnet. So steht beispielsweise an der Tür zu einem von mir häufig frequentierten Großraumbüro der folgende Satz:

geräuschlos

Ah ja, danke für den Hinweis.

Vielleicht glauben die Urheber, sie seien besonders höflich, wenn sie ihre Botschaft in Kinderbuchniveau formulieren („Hans der Hamster wohnt in einem Käfig mit Tür. Der Türgriff kann zum geräuschlosen Schließen der Tür verwendet werden“). Vielleicht hat man ihnen auch in irgendeinem Führungsseminar erzählt, dass direkte Befehle als rüde empfunden werden. Dieses Problem lässt sich meines Erachtens durch das Zauberwort „“bitte““ zufriedenstellend und altersgerecht lösen. Was spricht gegen „„Bitte schließen Sie die Tür leise““ oder „“Bitte hinterlassen Sie die Toilette sauber““?

Glücklicherweise hat im Falle der Tür ein schlauer Kollege die Situation entschärft, indem er das „“kann““ durchgestrichen und durch ein „„muss““ ersetzt hat. „Wow, das ist direkt“, dachte ich, musste aber schnell feststellen, dass ich das klare, bodenständige „“muss““ dem verlogenen „“kann““ bei Weitem vorzog. „“Muss““ spiegelt die ehrliche Wut eines Menschen wieder, der permanent durch Türknallen aus der Arbeit gerissen wird. „“Kann““ dagegen ist fake, es ist als Höflichkeit getarnte Aggression, und zwar so schlecht getarnt, dass höchstens ein Zweijähriger die eigentliche Botschaft missverstehen könnte.

Rettet den Imperativ! Rettet das „Bitte“! Und haltet um Himmels Willen eure Toiletten sauber!

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