Mädchen bevorzugt?

In der Kita meines Sohnes läuft die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“, bei der man einen Karton mit kleinen Geschenken füllt und an ein Kind in Osteuropa verschenkt.
Als ich mich im Vorfeld über das Projekt informierte, stieß ich auf den folgenden Satz:

„“Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass Jungs zwischen 10 und 14 Jahren am seltensten mit Geschenk-Päckchen bedacht werden. Am häufigsten gepackt werden hingegen Schuhkartons für Mädchen zwischen 5 und 9 Jahren“.“
(Quelle: http://www.geschenke-der-hoffnung.org/projekte/weihnachten-im-schuhkarton/haeufige-fragen/#c153)

Die Bevorzugung von Mädchen in unserer Gesellschaft ist ein Thema, das mir in den letzten Monaten und Jahren immer wieder begegnet ist – eigentlich erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass über Jahrtausende die Zeugung eines „Stammhalters“ das erklärte Ziel des Befruchtungsaktes darstellte.
Die meisten Frauen in meiner Umgebung wünschen sich eine Tochter, eine Mini-Me, mit dem sie Einkaufen, Basteln, Backen und länge als 5 Minuten ruhig im Restaurant sitzen können. Besonders voreingenommen sind auch oft die zukünftigen Großeltern. Meine Schwiegereltern schenkten mir nach wenigen Wochen Schwangerschaft einen rosa Strampler, so als würde das Kind beim Anblick seiner Garderobe gegebenenfalls noch das Geschlecht ändern.

Vielleicht liegt es daran, dass Jungs tendenziell aktiver, lauter und weniger angepasst sind als Mädchen?
Gemäß einem Gutachten des Aktionsrats Bildung aus dem Jahr 2009 (abrufbar unter http://www.aktionsrat-bildung.de/fileadmin/Dokumente/Geschlechterdifferenzen_im_Bildungssystem__Jahresgutachten_2009.pdf) werden Mädchen in Kindergärten und Grundschulen gegenüber Jungen bevorzugt.
Ein Grund für diese Entwicklung sei die Tatsache, dass es aufgrund der weiblichen Dominanz in Kindergärten und Grundschulen kaum männliche Rollenvorbilder gebe und dass sich das tendenziell unangepasstere Verhalten der Jungen in einer frauendominierten Umgebung nachteilig auswirke. (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/geschlechter-studie-schulen-benachteiligen-jungen-massiv-a-612997.html)

Vielleicht finden wir hier auch teilweise eine „Self-fulfilling prophecy“: wenn wir davon ausgehen, dass Jungs anstrengend und ungehorsam sind, dann reagieren sie auf unsere unterschwellige Ablehnung mit genau diesem Verhalten. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass viele Jungen einen starken Bewegungs- und Entdeckerdrang haben. Als Eltern sollten wir unseren Söhnen Raum zur Entfaltung geben und uns von ihrer Begeisterung anstecken lassen, auch wenn das nach einem anstrengenden Arbeitstag bisweilen seeeeeehr schwierig ist.

Bei der Schuhkarton-Aktion dürfte zudem eine Rolle spielen, dass Jungs im besagten Alter als nicht besonders angenehme Zeitgenossen gelten, Stichwort Pubertät.
Ich schätze, für diese Jungs dürfte der folgende Satz gelten (in Anlehnung an das Zitat eines anonymen Dichters):
„Beschenke mich dann, wenn ich am anstrengendsten bin, denn dann tun es die wenigsten.“

Was den Schuhkarton betrifft, haben wir uns also von niedlichen Handschühchen und Bilderbüchern verabschiedet und uns statt dessen gefragt, worüber sich ein 10-14-jähriger Junge wohl freuen würde. Da wurde mir klar, dass diese Jungs wohl auch deshalb so wenige Geschenke bekommen, weil die Päckchen in der Regel von Frauen gefüllt werden, die sich nur schwer in die Gedankenwelt eines pubertierenden Halbstarken hineinversetzen können.
Wir haben uns schließlich für Tischtennisschläger mit Ball, ein kleines Schreibset und Süßigkeiten entschieden. Ich hoffe, der Beschenkte freut sich darüber.

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