Wer hat Angst vorm Happy End?

In der Filmwelt stehen sich traditionell zwei Lager gegenüber: Hollywood-Filme und Independent-Filme. „Independent“ bezog sich ursprünglich auf die finanzielle Unabhängigkeit von den großen Studios. Mittlerweile sind vor allem inhaltliche und formale Aspekte in Vordergrund gerückt, nicht zuletzt weil viele Independent-Filme von den großen Studios mitfinanziert und mit Hollywoodstars bestückt werden (das nennt man dann „Indiewood“).

Heute gibt es einen regelrechten Kanon an Dingen, die den „Independent-Film“ ausmachen, z.B. das Verzichten auf klischeehafte Rollenbilder und bewährte Handlungsstrukturen (in der einfachsten Form: Anfang – Mitte – Ende). Oder auf das Happy End.

Bei Hollywood-Filmen kann man in der Regel davon ausgehen, dass sich am Ende die Liebenden vereinen oder zumindest das Gute über das Böse siegt. Independent-Filme vermeiden dagegen das Happy End zugunsten eines „realistischen“ Endes.

Also gehen Bob und Charlotte in „Lost in Translation“ am Ende auseinander, Ennis und Jack bekommen sich in „Brokeback Mountain“ auch nicht und in „Reservoir Dogs“ sind schließlich alle tot (nicht weiter schlimm, da es sich durchweg um gemeine Menschen handelt).

Doch was ist ein „realistisches“ Ende? Ein Ende, das in der Realität plausibel wäre?

Eher nicht. Denn auch ein Independent-Film ist in erster Linie ein Film und damit das Gegenteil von Realität.

Ich denke, ein „realistisches“ Ende ist alles, was kein klassisches Happy End ist.

Ein bisschen erinnert mich das an meinen 6-jährigen Sohn, wenn er trotzig auf den Boden stampft und bereit ist, alles zu tun, nur nicht das, was ich gerade von ihm will. Alles, nur kein Happy End!

Doch warum verweigert man uns das Happy End so vehement?
Weil es das ist, wonach wir am meisten verlangen.

„Happy Ends kommen unserem Gefühl für Abschlüsse nach“, erklärt Prof. Dirk Blothner, Filmwirkungsforscher an der Universität Köln. „Ob wir beim Einkaufen am Ende etwas Schönes mit nach Hause nehmen oder beim Kaffeekochen letztlich einen wohltuenden Tropfen genießen – das gute Ende eines Erlebnisses ist für uns eine lustvolle Erfahrung.“ (http://www.pm-magazin.de/r/gute-frage/warum-sehnen-wir-uns-beim-film-nach-einem-happy-end)

Hollywood-Filme sind das filmische Äquivalent zu Schokolade und Rotwein. Sie bringen kurzfristiges Vergnügen und entlarven ihre Konsumenten als unvernünftige Zeitgenossen mit mangelhafter Triebkontrolle. „Ich schaue nur Independent-Filme, das Mainstream-Zeug ist mir zu flach“ impliziert also „Ich versage mir ein lustvolles Erlebnis. Ich kann meine ordinären Triebe kontrollieren.“

In unserer Überflussgesellschaft hat Verzicht einen verdammt guten Ruf. Viele Menschen schränken sich in Sachen Ernährung ein, andere leben sexuell enthaltsam und wieder andere verzichten auf das lustvolle Erleben einer Geschichte inklusive versöhnlichem Abschluss (=Happy End). Doch wie Nahrungsaufnahme und Sexualität ist das Durchleben von Emotionen durch Geschichten ein grundlegendes Bedürfnis des menschlichen Daseins. Es hat gar eine reinigende, erleichternde Wirkung.

In typischen Hollywood-Filmen wird die gesamte Klaviatur menschlicher Gefühle durchgespielt, nicht zuletzt dank überzogener Charaktere und wirkungsvoll komponierter Plots. Und mithilfe unserer Spiegelneuronen lieben, hassen, leiden, trauern und jubeln wir mit. Das ist viel emotionale Arbeit innerhalb von 90 Minuten und obendrein ist es peinlich, im Kino beim Heulen beobachtet zu werden. Genug Gründe für hochperformante Vernunftwesen, die Emotionsachterbahn Hollywoodfilm gegen eine Bootsfahrt des Intellekts auszutauschen. Auch Independent-Filme lösen Emotionen aus, doch die Befriedigung durch das Happy End bleibt aus.

Es ist ein bisschen wie Sex ohne Orgasmus: Das kann man schon mal machen, eine Dauerlösung ist es eher nicht.

Filme mit offenem Ende sind wie Gäste, die man für einen Abend einlädt und nicht mehr los wird.  Zumindest mir geht es so, dass ich noch Tage danach die Handlung auf verpasste Wendepunkte abklopfe und alternative Enden durchspiele (eine frustrierende Sache, denn Zelluloid, Bits und Bytes haben immer Recht). „Ja, Ja, Ja!“ mögen nun viele rufen. „Genau darum geht es doch! Der Zuschauer soll sich nachhaltig mit einem Thema befassen und für Probleme im realen Leben sensibilisiert werden.“

Sicher, das ist wichtig. Und ich bin dankbar für Filme wie „Soldiers Girl“ zum Thema Transsexualität oder „Die Jagd“ zum Thema Kindesmissbrauch/Gruppendynamik, die einen noch lange nach dem Abspann begleiten. Aber nicht jeden Tag. Meine Wohnung ist schon voll mit Alltagskram – da bleibt wenig Platz für Mietnomaden.

Ich schaue mir gerne Dokumentationen oder Independent-Filme an. Aber zwischendurch braucht es einfach einen leicht verdaulichen Film, den man schon wieder abgehakt hat, bevor sich der Vorhang im Kino schließt. Anfang – Mitte – Ende. Wunderbar. Nach dem Konsum von „Pretty Woman“ rennt man nicht aus dem Kino, um die Welt zu verändern. Aber man fühlt sich gut. Und das ist verdammt viel.

Es gibt wirklich flache, lieblos produzierte Hollywoodfilme. Dennoch: Wer sich in der Independent-Ecke verbarrikadiert, der verpasst kreative Perlen wie Ice Age, I Robot, Matrix oder Avatar. Inspirierende Bekanntschaften, die wissen, wann sie sich zu verabschieden haben.

Wir sollten aufhören, Unterhaltungsfilme an der Realität zu messen. Denn ein Film soll doch weniger die Realität abbilden als sie für 90 Minuten (bei Independent-Filmen alles außer 90 Minuten) besser machen.

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„Spieglein, Spieglein an der Wand?“ oder „Wer bist du?“

In regelmäßigen Abständen finde ich in meiner Facebook-Timeline Artikel von oder über Michael Nast, die Stimme der Generation YOLO, dieser Menschen zwischen 25 und 40, die sich so unsympathisch lesen, dass ich nie etwas mit ihnen zu tun haben wollte, wenn ich nicht einer von ihnen wäre. Ebenso wie meine Freunde. Mittlerweile hat Herr Nast ein Buch in den Bestseller-Listen platziert und füllt auf seinen Lesetouren die Hallen.

„Generation beziehungsunfähig“ nennt er uns (und sich selbst), weil wir offenbar nicht in der Lage sind, uns auf unsere Partner einzulassen und langfristige Beziehungen zu führen. Stattdessen seien wir ständig auf der Suche nach Optimierungsmöglichkeiten und versähen alles, was wir tun mit der auflösenden Bedingung „bis etwas Besseres kommt“. Dabei fällt auffällig oft das Wort „Selbstverwirklichung“.

Gemäß Herrn Nast (oder sollte ich ihn Michael nennen? Schließlich sitzen wir im selben Boot…) liegt ein zentraler Grund für unsere „Beziehungsunfähigkeit“ in der veränderten Rolle der Arbeit: „Der Mittelpunkt des Lebens hat sich auf den beruflichen Erfolg verlagert, ganz unbemerkt.“ Dazu zitiert er bindungsunwillige Menschen, die ihre Beziehung zugunsten des Berufs aufgegeben haben, wie z.B. Christoph, der sagt: „Ich könnte mir nie vorstellen, was Mittelmäßiges zu machen, und harte Arbeit ist einfach der Preis, wenn man sich selbst verwirklichen will. […] dieses ständige Problematisieren [durch die Freundin, d.A.], das kann ich nicht gebrauchen, das wirkt sich alles auf den Job aus.“

Doch ich frage mich ernsthaft, ob hier wirklich eine Kausalität vorliegt oder nicht vielmehr eine Korrelation. Oder mal ganz anders gedacht – vielleicht sind die Menschen nicht beziehungsunfähig, weil sie ihren Job so wichtig nehmen, sondern sie nehmen ihren Job so wichtig, weil sie beziehungsunfähig sind?

Ich finde es erstaunlich, dass die Jobsituation der Menschen immer wieder für gescheiterte Beziehungen verantwortlich gemacht wird. Es ist ja nicht so, dass die Menschen „früher“ (*als man noch „beziehungsfähig“ war*) so viel weniger gearbeitet hätten.

Ich würde sagen, es gab schon immer Menschen, die viel gearbeitet haben und beziehungsfähig waren, genauso wie solche, die wenig gearbeitet haben und beziehungsunfähig waren.

Doch selbst wenn man „hart arbeitet“ um „sich selbst zu verwirklichen“: Wieso sollte das einer gesunden Beziehung im Wege stehen?

Ein Mensch, der sich in seinem Job selbst verwirklicht, macht vielleicht mal Überstunden, aber er geht abends voller Energie und Zufriedenheit nach Hause. Er strahlt von innen, ist leidenschaftlich und lebendig – die Art von Gesellschaft, die sich jeder wünscht.

Ich habe den Verdacht, dass das, was so mancher unter dem Deckmantel „Selbstverwirklichung“ betreibt, keine Verwirklichung des eigenen Selbst ist, sondern vielmehr der Versuch, etwas zu werden, was man gar nicht ist. „Be who you want to be“ heißt der Virus, von dem die nicht mehr ganz so jungen Menschen von heute befallen sind. „Wer willst du sein?“ fragt mich auch die Zeitschrift EMOTION und die Living-Plattform „Junique“ liefert die passenden T-Shirts dazu.

werwillstdusein

Dabei sollte die Frage doch eher lauten: „Wer bist du?“

Nast beschreibt dies folgendermaßen: „Das eigene „Ich“ ist unser großes Projekt, die Arbeit ist da ja nur ein Detail. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Wir werden zu unserer eigenen Marke […]. Jedes Detail wird zum Statement, das unser Ich unterstreichen soll: Mode, Musikrichtungen oder Städte, in die man zieht, Magazine, wie man sich ernährt – und in letzter Konsequenz auch die Menschen, mit denen man sich umgibt.“

Das Problem ist: Wir malen uns allzu gerne aus, wer wir sein wollen und fragen uns dabei zu selten, inwieweit dieses Bild zu dem passt, was wir sind. Unterstützt von umfassender Ratgeberliteratur glauben wir, unsere Persönlichkeit nach Belieben formen und verändern zu können. Doch wir sind keine Computer, die man einfach mit einem neuen Betriebssystem bespielt. Es gibt Dinge, Charakterzüge, körperliche und geistige Voraussetzungen, die wir nicht grundlegend ändern können, zumindest nicht auf gesunde Weise. Ich muss in diesem Zusammenhang an diesen Cartoon denken (Quelle s.u.):

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Vielleicht träumt der Fisch ja davon, auf Bäume zu klettern. Er nimmt Kletterunterricht, trainiert seine Muskeln, lernt außerhalb des Wassers zu atmen, schlüpft in ein Affenkostüm. Vielleicht erreicht er nach dieser Kraftanstrengung sein erklärtes Ziel und lebt ab sofort unter Affen. Dennoch wird es ihn jeden Tag unverhältnismäßig viel Energie kosten. Und angenommen, er will eine Familie gründen. Welchen Partner soll er sich suchen, einen Affen oder einen Fisch? Vermutlich wird er jeden Tag unter dem Gefühl leiden, ein minderwertiger Affe zu sein. Und Fischsein entspricht ja leider nicht seinem Plan.

Ich denke, wer eine Beziehung nach der anderen in den Sand setzt, obwohl er „sich selbst verwirklich“ (d.h. viel arbeitet), der sollte sich vielleicht fragen, wen er gerade verwirklicht. Sich selbst oder jemand anderen.

Ich wäre ja auch gerne eine extrovertierte, gut verdienende Frau mit langen Beinen und ich könnte einiges dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen. Ich könnte alleine auf Parties abhängen und mich dazu zwingen, mit den Leuten zu reden und irgendwann würde ich darin wahrscheinlich eine gewisse Routine erreichen. Aber wäre ich deshalb eine extrovertierte Person oder vielleicht doch nur eine introvertierte, die gelernt hat, sich wie eine extrovertierte zu verhalten? Wenn ich 60 Stunden pro Woche arbeiten würde, um reich zu werden – was wäre dann mit meinem Kind? Und eine Beinverlängerung ist eine verdammt schmerzhafte Angelegenheit.

Es fällt uns schwer anzuerkennen, dass eben nicht alles geht, dass wir unsere Persönlichkeit nicht nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen können. Wir haben gelernt, an uns zu arbeiten, mit uns zu kämpfen und uns zu verändern. Viel schwieriger ist es, das vermeintlich Unperfekte zu akzeptieren.

Meist ist unser Partner derjenige, der uns immer wieder auf dieses Unperfekte stößt. Denn, wie Michael Nast sehr treffend sagt: „Wenn man in einer Beziehung ist, lernt man sich selbst ja auch noch einmal neu kennen. Man sieht sich aus einer anderen Perspektive. Mit dem Blick des Partners. Er ist sozusagen der Spiegel.“

Leider entspricht das, was wir im Spiegel sehen, oft nicht dem, was wir sehen wollen, dem, was wir als „Realität“ betrachten (Stichwort: Wer willst du sein?). Je weniger wir uns selbst kennen, desto weniger können wir nachvollziehen, was unser Partner spiegelt. „Er nörgelt nur herum“, sagen wir dann oder „So bin ich doch gar nicht“. Und früher oder später trennen wir uns. Ent-täuscht. Wir werfen den Spiegel weg, weil uns das Spiegelbild nicht passt.

Das Problem mit dem Ende der Verliebtheit ist ja nicht, dass die Liebe geht, sondern dass die Illusion geht. Und durch das Gefühl ersetzt wird, „dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt, der das eigene Leben sinnvoller ergänzt.“ Der Partner wird dann als Belastung empfunden, als jemand, der den „Selbstverwirklichungsprozess einengt“.

Sicher hat auch unser Partner Baustellen in seinem Leben und gibt kein objektives Bild zurück. Aber es zeigt sich immer wieder, dass im „Genörgel“ ein Körnchen Wahrheit steckt.

Und am Ende ist es heilsam, sich den ungewünschten Wahrheiten zu stellen: Ich bin unsicher. Ich bin neidisch. Ich bin nicht dafür gemacht, jeden Tag im Büro Kämpfe auszufechten. Die ständigen Dienstreisen machen mich fertig. Ich bin nicht glücklich mit meinem „Designer-Leben“.

Wer den Kampf gegen die Windmühlen aufgibt, dem steht plötzlich jede Menge Energie zur Verfügung. Die er zum Beispiel in Beziehungen investieren kann. Zu sich selbst und zu anderen Menschen.

Nast schreibt: „Wer sich ausschließlich auf sich selbst beschränkt, verpasst eben auch alles andere.“

Ich würde sagen: Wer sich ausschließlich auf sich selbst (das Wunsch-Ich) beschränkt, verpasst sich selbst (das reale Ich). Und die Erfahrung, dass man nicht perfekt sein muss, um liebenswert zu sein.

Sind wir also eine Generation von Beziehungsunfähigen? Bestimmt. Zumindest eine von vielen.

Quellen:

http://imgegenteil.de/blog/generation-beziehungsunfaehig/“
http://www.emotion.de/psychologie-partnerschaft/persoenlichkeit/wer-willst-du-sein-t-shirts-von-juniqe“
http://thecompanion.in/competitive-exams-and-our-education-system/“

Stolz und Dankbarkeit

Es gibt viele Dinge, auf die ich stolz bin. Mein erfolgreiches Studium, der eine oder andere Text, die geschmackvolle Dekoration meiner Wohnung. Dass ich meist pünktlich bin und gut seitlich einparken kann. Ich wage zu behaupten, dass ich mir diese Dinge erarbeitet habe.

Bei anderen Dingen hatte ich einfach Glück. Ich denke da an meinen gesunden Sohn, den Lottogewinn von 12,95 Euro oder Sonnenschein beim letzten Zelturlaub.
Das alles hätte ebenso gut schiefgehen können, selbst wenn ich mich maximal bemüht und alles richtig gemacht hätte. Ich hatte Glück. Und das dazugehörige Gefühl heißt Dankbarkeit.

Doch auch die Dinge, auf die ich stolz bin, waren nur möglich, weil ich das Glück habe, in diesem Land geboren zu sein. In einem Land, wo ich als Frau studieren, arbeiten und mein Leben frei gestalten kann. Wo es befahrbare Straßen gibt, fließendes Wasser und Elektrizität. Wo mein Kind ohne Angst draußen spielen kann. Wo keine Panzer durch die Wohngebiete fahren und keine Bomben einschlagen. Wo keiner verhungern oder unter freiem Himmel schlafen muss.

Wer darauf stolz ist, der hat eines nicht verstanden: Es ist kein Verdienst, in Deutschland geboren zu sein! Wir hatten einfach nur Glück!!! Unser ganzes Leben, unsere Erfolge, all das, worauf wir mit Recht stolz sind, beruht auf einem übermäßigen und völlig unverdienten Geschenk.
Und die einzig richtige Reaktion auf dieses Geschenk ist Dankbarkeit.

Denn, seien wir ehrlich: Wenn es um Verdienst, um Hingabe und um Opferbereitschaft ginge, dann hätte es jeder einzelne Mensch, der sich durch Wüsten und Meere gekämpft hat, mehr verdient, hier zu leben als jene Mitbürger, deren einzige „Leistung“ es ist, in einer deutschen Gebärmutter gewachsen zu sein. Macht euch das wirklich stolz?

Stolz ist ein egoistisches Gefühl. Er schaut auf andere herab, Dankbarkeit dagegen blickt hinauf. Zu einem Gott oder dem Universum. Demütig.

Wer stolz ist, verteidigt. Wer dankbar ist, teilt.

Let it grow, let it grow, let it grow

Viele Menschen kokettieren damit, „keinen Small Talk zu können“. Und ihn ohnehin nicht zu wollen. Dabei möchten sie gerne als besonders tiefsinnige Zeitgenossen verstanden werden, denen das geistlose Blabla zuwider ist. Small Talk hat einen verdammt schlechten Ruf. Er ist wie eine Schlampe, die jeder haben kann: erfüllt seinen Zweck, ist aber nicht wirklich befriedigend.

Denn erfolgreicher Small Talk ist eine Frage der Technik, sofern man nicht zu den wenigen Menschen gehört, die ein natürliches Talent dafür haben (und die wir für ihre Oberflächlichkeit verachten). Mit ein bisschen Üben und den richtigen Fragen kann jeder mit jedem Smalltalk führen. Kein Wunder, dass wir uns dabei wie austauschbare Stichwortgeber fühlen.

Was wir wollen, ist das Gegenteil, Big Talk. Die Art von Gespräch, in der sich die Themen einfach so ergeben, ohne dass man eine Liste abarbeitet. Wo die Zeit im Flug vergeht und das Gespräch nicht mit einem neuen Xing-Kontakt, sondern mit einem wohligen Gefühl im Magen endet. Wir wollen Ehrlichkeit und Tiefe.

Und wir wollen uns nicht anstrengen. Während sich Big Talk mühelos entwickelt, fühlt sich Small Talk oft wie harte Arbeit an. Denn entgegen der Vorurteile handelt es sich keineswegs um eine banale Form der Unterhaltung. Nein, Small Talk ist in hohem Grade reglementiert. Das fängt beim Themenspektrum an: Man spricht über das Wetter, den Job, Hobbies und Reisen. Brisante Themen wie Politik, Krankheiten, Sex, Tod, Religion und allzu Persönliches sind tabu, ebenso wie Konfrontationen und allzu harscher Widerspruch.

Das ist ungünstig, wenn man sich gerne leidenschaftlich über den Papst streitet und wenig Spaß an Gesprächen über die Qualität von Kantinenessen hat. Andererseits steckt in jeder Einschränkung auch ein Schutz und es ist durchaus schön zu wissen, dass es beim Geschäftsessen (zumindest bis zum Digestif) keine Glaubenskriege oder Nervenzusammenbrüche geben wird. Small Talk schafft Gemeinschaft, indem er diejenigen Fragen nicht erlaubt, deren Antwort Beziehungen sprengen könnten. Wer die Spielregeln beachtet, der gehört dazu.

Doch was spricht dagegen, die Grenzen des Small Talk so weit wie möglich auszureizen und die Standard-Fragen kreativ zu erweitern?

Mit Fragen wie diesen macht es doch gleich mehr Spaß:

„Was bringt deine Augen zum Strahlen?“
„Welche Superkraft hättest du gerne?“
„Welchen berühmten Menschen würdest du gerne zum Essen einladen?“
„Wie würdest du einem Kind deinen Beruf erklären?“

If it’s too small for you, let it grow.

Wir halten den Small Talk künstlich klein, indem wir immer wieder dieselben abgenutzten Fragen stellen und uns dadurch permanent in der Meinung bestätigen, dass er eine lästige Pflicht ist.

Dennoch glaube ich, dass das Hauptproblem nicht in den Fragen und Antworten liegt, sondern in der Einstellung, mit der wir Small Talk betreiben. Allzu oft sehe ich Menschen ihre Standardfragen abspulen, während ihre Körpersprache deutlich macht: „Das interessiert mich einen Dreck“. Natürlich kann so kein entspanntes Gespräch entstehen.

Big Talk stirbt ohne ehrliches Interesse, Small Talk dagegen lebt auf Zombie-Niveau weiter. Und was uns abschreckt, ist doch weniger der nette, harmlose Small Talk, als vielmehr diese auslaugenden Zombie-Gespräche.

Man kann die Frage „Und was machst du beruflich“ mit ehrlichem Interesse stellen. Aber wem „kein Bock auf Small Talk“ ins Gesicht geschrieben steht, der muss sich nicht wundern, wenn die Antwort einsilbig ausfällt.

Deshalb plädiere ich dafür, den Small Talk nicht mehr als lästige Pflicht zu betrachten, sondern als Chance, einen interessanten Menschen kennen zu lernen. Lasst uns den Autopiloten deaktivieren und wieder mit kindlicher Neugier auf unser Gegenüber zugehen. Auf dass der der Kleine wachse und gedeihe.

Von unsichtbaren Tieren und der Moral des Tötens

In letzter Zeit habe ich mehrfach das Argument gehört: „Wer nicht bereit ist, Tiere selbst zu töten, der darf auch kein Fleisch essen“. Moralisch gesehen. Der Löwe muss seine Nahrung schließlich auch selbst erlegen.
Ich habe dann immer genickt und mich schuldig im Sinne der Anklage gefühlt. Bis ich mich fragte: Warum eigentlich?
Mal ganz abgesehen davon, dass der Löwe die von ihm erlegte Antilope nicht allein verspeist –
wieso muss ich in der Lage sein ein Tier zu töten, um es essen zu dürfen?
Darf ich auch kein Auto fahren, weil ich kein Auto bauen kann? Das ist doch albern.

Ein großer Teil unserer Gesellschaft beruht auf Spezialisierung und Arbeitsteilung. Jeder tut das, was er besonders gut kann und lässt sich dafür von anderen Menschen bezahlen.
Ich muss kein Auto bauen können, wenn ich dafür bezahlen kann, dass es andere für mich tun.
Ebenso bezahle ich den Schlachter dafür, dass er das Schwein schlachtet, von dem mein Schnitzel kommt.

Und vor allem – was hat Tötungsbereitschaft mit Moral zu tun?

Es geht doch überhaupt nicht darum, wer das Messer in die Kehle des Schweins führt oder wer dazu bereit wäre. Was uns fehlt, ist nicht Tötungsbereitschaft, sondern ein Bewusstsein dafür, wie das Schnitzel auf unseren Teller gelangt.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Schlachttag ein Ereignis, an dem alle Mitglieder der Familie teilnahmen. Ob sie das Geschehen nun beobachteten, die Schreie des Tieres hörten, die Innereien rochen oder anschließend die blutverschmierten Kleider wuschen – es war für jeden offensichtlich, dass das Schnitzel auf dem Teller mit dem Tod eines Lebewesens bezahlt wurde. Dies zu leugnen hätte bedeutet, den eigenen Sinnen zu widersprechen. Das geschlachtete Tier war sichtbarer, riechbarer und fühlbarer Teil der Lebenswirklichkeit. Es existierte. Und hatte damit einen Wert.

Heute ist der Prozess „Fleisch essen“ völlig entkoppelt von den Prozessen „Tier aufziehen“ und „Tier töten“. Wir sind Teil eines kollektiven Verdrängungsmechanismus, der Menschen in die Lage versetzt, Hähnchenbrustfilets für €1,49 zu „genießen“.

Es gibt Fleischesser, die noch nie ein Schwein gesehen, berührt oder gerochen haben – vom Töten ganz zu schweigen. Nicht ohne Grund finden Haltung und Schlachtung der Tiere in abgeriegelten Hallen statt, aus denen wenig nach draußen dringt. Ich habe den Verdacht, dass die hohen Zäune weniger dem Schutz der Insassen dienen, als vielmehr dem der Menschen draußen. So bleibt es uns erspart, Dinge zu sehen, die das Verdrängungsgebäude zum Einsturz bringen (und letztlich den Markt verändern) könnten.

Es ist geradezu schizophren: In einer Zeit, wo es verbriefte Tierrechte gibt, wo wir jedem Lebewesen eine Würde zusprechen und wo uns die Tränen kommen, wenn wir am Straßenrand einen überfahrenen Igel sehen, werden Massen von Tieren unter elenden Bedingungen gehalten und getötet. Offenbar unterscheiden wir zwischen sichtbaren und unsichtbaren Tieren. Die sichtbaren werden leidenschaftlich geschützt und die unsichtbaren, na, die sind ja nicht da. Quasi.

Mit jedem Meter, den sich die Tierhaltung und -schlachtung von unserer Haustür entfernt hat, wurde auch in unseren Köpfen das Tier von der Wurst entfremdet.

Darum sollten wir die unsichtbaren Tiere wieder sichtbar machen, sie in ihrer Existenz würdigen. Sei es, dass wir uns informieren und darüber reden, wie unser Fleisch produziert wird. Dass wir einfach mal zum Bauern fahren und einem Rind tief in die Augen schauen. Oder vor dem Verzehr des nächsten Schnitzels kurz innehalten und dem Tier danken, das dafür gestorben ist. Man mag das als esoterisch oder nutzlos abtun. Aber es ist ein erster Schritt. Und schließlich haben wir nichts zu verlieren – außer der Fähigkeit, eine €1,49 – Hähnchenbrust genießen zu können.

Vorsicht vor Wetter

Heute müssen wir über die zunehmende Bevormundung des Menschen durch Wetterportale reden.
Besagte Dienste beschränken sich ja schon lange nicht mehr darauf, Temperatur, Windstärke oder Luftdruck zu liefern.

Als ich vor einiger Zeit die Vorhersage für den kommenden Tag erfragen wollte, hat mir ein Wetterdienst zu den Temperaturen sogar den passenden „Dress Code“ mitgeteilt: „Nicht zu warm anziehen.“

dress code wetter

Offenbar traut man uns nicht zu, von einer Temperatur zwischen 16 und 21 Grad auf nicht zu warme Kleidung zu schließen. Doch das war noch nicht genug. Für die ganz Begriffsstutzigen gab es sogar zwei Bildchen. Der Mann trug Shorts und T-Shirt, die Frau lange Hose und Langarmshirt. Vielleicht berücksichtigt das Wetterportal hier die Tatsache, dass Frauen meist schneller frieren als Männer. Oder aber, und das scheint mir wahrscheinlicher, es will mir schlicht sagen, dass ich anziehen soll, was ich will.

wetterwarnung neu

Nahezu jeden Tag gibt es für meinen Standort eine Wetterwarnung: Sei es Regen (Niederschlag flüssiger Form), Schnee, Hagel (Niederschlag fester Form), Eisglätte, Wind, aber auch Sonnenschein, der ja schnell zu Hitze führen kann. Ozon oder Pollen. Es fehlt nur noch die tägliche Warnung vor Dunkelheit ab 21 Uhr.

Jeden Tag begeben wir uns mit dem Schritt vor die Haustür in einen Zustand, vor dem wir gewarnt werden müssen. Und das selbst, wenn wir gemäß Vorgabe gekleidet sind.

Deshalb schlage ich eine grundsätzliche Warnung vor: VORSICHT VOR WETTER. Denn irgendein Wetter ist ja immer.
Und eines ist sicher: Auch am Tag unseres Ablebens wird es Wetter geben.
Aber man hatte uns ja gewarnt.